Von Anfang an gehörte in unserem Landesprojekt die Bewahrung und Präsentation des vielfältigen Wissens von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu den wichtigsten Aufgaben. In fast jeder Modellkommune gab und gibt es dieses Wissen über Objekte, Ereignisse oder verloren gegangene Praktiken – und zugleich die Gewissheit, dass dieser prekäre Schatz für die Nachwelt irgendwann verloren gehen wird. Und so ist es oft der Wunsch der Kommunen, dieses Wissen in Audio oder Video festzuhalten. Denn nicht nur die lokalen Teams mit ihren engagierten Ehrenamtlern als Ortschronisten stehen für unseren Citizen-Science-Ansatz, sondern auch das Wissen der Beteiligten, die Oral History.
Und so haben wir in den letzten Jahren unzählige Personen ihre Geschichte(n) erzählen lassen, aufgezeichnet durch unsere studentischen Teams, unterlegt in der Postproduktion durch Filme, Fotografien und Dokumente. Es ging um Epochen wie die NS-Zeit, um Ereignisse wie Kriege oder Fabrikschließungen, um historische Bräuche und Berufe, aber manchmal auch um persönliche Lebensläufe und Erfahrungen. Ein kleiner Ausschnitt soll im Folgenden hier dokumentiert werden – viel mehr findet man auf unserem YouTube-Kanal.
Selbstverständlich ersetzen diese Zeitzeugnisse keine historische Forschung, sondern müssen von dieser flankiert werden. Oral History ist subjektiv, anfällig für Fehler und Verklärungen, häufig auch nicht ‚politisch korrekt‘. Aber sie ist authentisch, emotional, bereichert Geschichtsschreibung um eine persönlich gefärbte Komponente, um einzigartige Erfahrungen, die gerade für folgende Generationen lehrreich sein können im Kontrast zu unserer heutigen Welt. Viel zu viel dieser Ressource geht verloren.
Wie Forschung und Zeitzeugenberichte zusammenkommen können. zeigt exemplarisch dieses Video über den Absturz eines amerikanischen Bombers in Mechtersheim:
Eric Wiemann erläutert, wie er zusammen mit Zeitzeugen wie Heinz Wagner und Werner Durein den Bomberabsturz in Mechtersheim dokumentierte (2024).
Viele unserer Stücke handeln vom Zweiten Weltkrieg oder von der NS-Zeit. Besonders beeindruckend, auch für die Studierenden bei ihren Aufnahmen, waren die Augenzeugenberichte zum Brand der Synagoge von Mutterstadt in der Reichspogromnacht 1938 und der Deportation der jüdischen Bürger:
Irmgard Metzger (geb. 1927) aus Mutterstadt erzählt vom Brand der Synagoge und der Zerstörung jüdischer Häuser.
Gertrud Wentz (geb. 1934) aus Mutterstadt erzählt von der Deportation der jüdischen Mitbürgerin Marum zur Zeit der Nationalsozialisten.
Manchmal lassen wir auch Zeitdokumente sprechen, wenn die Personen nicht mehr leben, wie im Folgenden einen Feldpostbrief von Ludwig August Zotz aus Herxheim, der kurz darauf an der Ostfront fiel:
Zotz steht exemplarisch für viele Schicksale in Herxheim, die wir 2024 im Teilprojekt am Objekt der Kriegergedächtniskapelle aufbereitet haben.
Viele unserer Oral Histories dokumentieren Berufe zu früheren Zeiten. So erzählt Marliese Kilp aus Kaub in mehreren Clips über ihre Zeit als eine der ganz wenigen Kapitäninnen auf einem Rheinschiff – hier zu Zeiten des Krieges, bis hin zur Zerstörung ihres Schiffes durch Bomberangriffe:
Ebenfalls in Kaub lebt Dieter Kimpel, einer der drei letzten Lebenden von ehemals über 100 Lotsen, welche die Schifffahrt durch die Rheinengen überhaupt erst möglich machten:
Der ehemalige Schiffslotse Dieter Kimpel aus Kaub über die Arbeit der Lotsen auf dem Rhein (2023).
Schön ist, wenn solche Erzählungen mit historischen Filmen und Fotos unterlegt werden können, wie hier zur Arbeit auf den heute nicht mehr vorhandenen Obstplantagen in Heiligenstein:
Guido Heil, ehemaliger Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Heiligenstein, erzählt von den Obstplantagen, die es einst in Römerberg-Heiligenstein gab (2024).
Besonders wertvoll sind Schilderungen einer beruflichen Tätigkeit, die es heute nicht mehr gibt – zum Beispiel die Fahrten des Proviantboots in Nierstein zur Versorgung der Rheinschiffer während der Fahrt:
Hildegard Walz, deren Eltern eins der Proviantboote in Nierstein betrieben, spricht über die Versorgung der Schiffer in Nierstein durch die schwimmenden „Tante-Emma-Läden“ (2022).
Manchmal ist die Ausübung des Berufs auch mit Lebenswegen verbunden. Besonders eindrucksvoll sind jene der Wandermusikanten aus Mackenbach bei Kaiserslautern, die in Scharen als junge Menschen nach Übersee ausgewandert sind, um ihr Glück als Musikanten oder Instrumentenbauer zu machen. Einer von ihnen ist Trompetenbauer Horst Molter, den es nach New York verschlagen hatte und der heute wieder in Mackenbach lebt:
Manchmal steckt hinter Berufen wie etwa der Eisenverhüttung eine umfangreiche Familiengeschichte. Marion von Gienanth erzählt im folgenden längeren Video die umfangreiche Biografie der „Dynastie“ Gienanth in Eisenberg vom 18. Jahrhundert bis zu ihrem eigenen Vater:
Manchmal ist Industriegeschichte auch mit Ereignissen verbunden, welche die Zeitzeug:innen ihr Leben lang nicht vergessen. Ein solches Ereignis war 1991 die Sprengung des 60 Meter hohen Turms der Malzfabrik in Berghausen, unterlegt durch erstmals veröffentlichte private Videoaufnahmen:
Interview mit Hans Sona zur Sprengung der Malzfabrik in Römerberg-Berghausen 1991.
Ebenso spannend kann aber auch die Schilderung von Arbeitskämpfen in den 1970er Jahren sein. Beim folgenden Clip haben wir ein Zeitzeugen-Audio mit Originalfotos unterlegt – auch eine mögliche mediale Umsetzung.
Hans Hagen erzählt von den Arbeitskämpfen bei der Bendorfer Firma Feld & Hahn.
Mitunter können die Zeitzeugen aber auch aus Stein sein. Wie ist es, in einem alten Haus zu leben, welche Geschichten erzählt es seinen Bewohnern? Zwei Beispiele sollen hier gezeigt werden: eines der ältesten Häuser Deutschlands, das „Haus Korbisch“ in Treis-Karden, und die Rumpf-Mühle in Laubenheim an der Nahe:
Leben in einem Denkmal: Peter Willicks stellt das Haus Korbisch in Karden vor (2022).
Eigentümer Stefan Vollmari stellt die Rumpfmühle in Laubenheim vor (2021).
Zeitzeug:innen können zudem helfen, die Veränderung von Orten zu verstehen. Im Folgenden schildert Werner Seul vor Ort, aber auch anhand einer historischen Postkarte, wie der Schüller-Platz in Koblnz-Lützel in seiner Kindheit ausgesehen hat:
Wertvoll sind nicht zuletzt auch die Schilderungen von Festen oder Bräuchen, von Alltagsleben in vergangenen Jahrzehnten – für die heutige Jugend oft unvorstellbar. Das war der Ausgangspunkt eines ganzen Teilprojekts in Helferskirchen im Westerwald, bei dem, initiiert von Ortsbürgermeisterin Anette Marciniak-Mielke die Senior:innen im Dorfmuseum von der „guten alten Zeit“ erzählten, von Handwerkstechniken, vom gemeinsamen Brotbacken und Baden oder von der Kirmes. Entstanden sind ein Dutzend Videoclips, die das Leben im Ort vor gut 60 Jahren dokumentieren. Hier ein Clip zum Schulbesuch und zum Badetag:
In diesem Videoclip erzählen die Zeitzeug:innen Marlene Heibel und Werner Hehl von den ehemaligen Schulen in Helferskirchen und dem Badetag im Ort.
Viele der Erzählungen haben mit Kindheit und Jugend der Erzähler:innen zu tun – und sind doch mehr als bloße private Anekdoten. Wie war es zum Beispiel, in einer Wollfabrik in Moselkern aufzuwachsen, zwischen Maschinenhallen, Elzbach und Wald? Für Heinz Nollen war diese Zeit prägend:
Heinz Nollen aus Moselkern erzählt von seiner Kindheit in der Wollfabrik C. Haan & Söhne in Moselkern (2023).
Und manchmal sind es auch besonders markante Menschen, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben und geradezu Legendenstatus für die Menschen vor Ort erlangen – wie etwa der Bademeister von Bad Bodendorf an der Ahr:
Dr. Jürgen Haffke (li) und Josef Erhardt erinnern sich an den Bademeister des Freibads in Bad Bodendorf (2024).
Diese Zusammenstellung aus unserem Fundus zeigt: Oral History kann ebenso dramatische Momente der Weltgeschichte erfassen wie besondere lokale Ereignisse wie persönliche Erinnerungen und Anekdoten – alles kann zu einem besseren, anschaulicheren Verständnis historischer Zusammenhänge beitragen. Oral History stiftet lokale Identität, verbindet Alt und Jung und bringt diese ins Gespräch und entreißt wertvolles Wissen dem unvermeidlichen Vergessen. Wenn Digitalisierung für etwas gut ist, dann für die Bewahrung unserer Alltagsgeschicht(n).