Von Landschaftswandel, Artenvielfalt, Umnutzung und Ehrenamt – die Begehungen unserer Teilprojekte 2026

Wenn die Landschaft selbst zur großen Erzählerin wird, was kann sie uns erzählen? Um diese Frage geht es uns in diesem Projektjahr. In fünf Teilprojekten möchten wir Ursachen und Formen landschaftlichen Wandels aufzeigen. Dass es sich in der Regel eher nicht um einen einzelnen Erzählfaden handelt, der in Kommunen aufgegriffen werden kann, sondern eher um ein ganzes Knäuel und diverse Fadenenden oder besser gesagt Anfänge, wurde uns bei unseren diesjährigen Begehungen deutlich vor Augen geführt.

Wir waren in den letzten beiden Wochen gemeinsam mit Christine Brehm vom KuLaDig-Kompetenzzentrum und den studentischen Teams, die im Sommersemester die Teilprojekte unterstützen, in Rheinland-Pfalz unterwegs. Wir besuchten Cochem-Cond, Lambrecht (Pfalz), Lehmen, Müden und Trittenheim und die von den kommunalen Teams ausgewählten Kulturlandschaftsobjekte. Auf den ersten Blick womöglich unspektakuläre Objekte wie Trockenmauern, Weinlagen oder Streuobstwiesen präsentierten sich auf den zweiten Blick als komplexe „Wissensräume“, die einen reichen Schatz an Wissen über Nutz- und Heilpflanzen, Tieren und teils alten Handwerksmethoden bereithalten. Welchen Fokus möchten wir setzen? Welche digitalen Anwendungen und Medienformate könnten hier zum Einsatz kommen? Welche Zielgruppen sollen erreicht werden? All diese Fragen stellten wir uns gemeinsam mit unseren Mitstreiter:innen, ein Prozess des Abstimmens und Feinjustierens, der noch bis Anfang Juni mit den nachgelagerten Videokonferenzen dauern wird.

In Cochem-Cond dreht sich alles um die mittlerweile nur noch selten sakral genutzte Kirche Sankt Remaclus. Diese thront hoch über der Mosel, zwischen Fluss, Dorf und Weinberg, terrassenförmig eingebettet und im Gestein fest mit der durch jahrhundertelanges menschliches Wirken entstandenen Kulturlandschaft verbunden. Von der Kirche aus, die ehrenamtlich unterstützt eine Umfunktionierung zu einem Ort der Wissens- und Kulturvermittlung erfährt, soll künftig ein digital angereicherter Rundweg beginnen und enden. Dieser führt die Besucher:innen ans Moselufer hinab mit Blick auf die Reichsburg und viele andere Sehenswürdigkeiten von Cochem, an der Mosel entlang und durch den Ortskern über einen Pilgerweg hinauf in die Weinberge, von dort zur Kirche zurück. Stets soll dabei der Blick an einen Dutzend Stationen auch auf die naturräumlichen Begebenheiten gelenkt werden, von der vielfältigen Nutzung des Flusses, über den Wandel des Dorfes bis hin zu den Weinbergsbrachen, die für die Artenvielfalt Verlust und Chancen gleichermaßen spiegeln.

In Lambrecht gibt es zwei größere Streuobstwiesen in den Hanglagen oberhalb des Ortes, die bereits seit Generationen genutzt werden. Diese beherbergen historische Apfel-, Birn- und weitere Obstbäume sowie zahlreiche Nutzpflanzen. In Stand gehalten durch großes ehrenamtliches Engagement, sollen die Flächen zu Vermittlern werden, die Einblicke in die Vergangenheit und Ortsgeschichte ebenso zulassen, wie in die Hintergründe von Obstanbau und Streuobstkultivierung. Beide Streuobstwiesen – ergänzt durch eine kleine Anbaufläche innerorts – können in einer gut 5 Kilometer langen Wanderung durch den Pfälzerwald-Ausläufer bei Lambrecht verbunden werden und geben zudem Einblicke in das hiesige Trockenmauerhandwerk.

In Lehmen an der unteren Mosel wurde in der Weinlage Würzlay jahrhundertelang Weinbau in der sogenannten Einzelstockerziehung – gemeint ist das Heranzüchten von Reben an einem Stock – betrieben. In den letzten Jahrzehnten haben geringere Nachfrage und sinkende Erträge zu einer Verbrachung von Teilen der Weinlage geführt. Um einer sich ausbreitende Verbuschung und der mit dieser einhergehenden Verminderung von Artenvielfalt und Einnahmen entgegenzuwirken, hat der Verein „Razejunge“ freie Flächen in einen Naturschutz- und Lernort umgestaltet. Eine Vielzahl an kultivierten, teils alten Kräutern und Blumen sorgt für eine erstaunliche Vielfalt an Insekten, Eidechsen, Schmetterlingen und sogar Schlangen. Mit dem Anbau von Lavendel und Heilkräutern kann man sogar Geld verdienen. Nicht zuletzt wird dieser Ort aber zum Erfahrungsort für Grundschulkinder, Senioren und alle, die ein wenig Entschleunigung in der Natur suchen. Im Teilprojekt soll die Würzlay auch eine digitale Komponente erhalten, so dass beispielsweise die vielen Pflanzen und ihre Fähigkeiten ebenso erläutert werden wie historische Aspekte des Weinbaus. Auch die von der Straße aus sehr gut sichtbaren Trockenmauern werden im Teilprojekt erläutert.  

Lehmen ist in diesem Jahr gleich doppelt vertreten. Einmal als eigenständiges Teilprojekt, zum anderen aber ist Lehmen einer von mehreren Orten, die sich im Teilprojekt Regionalinitiative Faszination Mosel zusammengeschlossen haben, um den ganz unterschiedlichen Umgang mit dem Werkstoff Stein und dem Kulturgut Trockenmauern digital zu vermitteln. In Müden fand stellvertretend für das ganze Verbundprojekt die Begehung statt. Die als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur NS-Zeit im Wald bei Lehmen geschaffenen Trockenmauern ergänzen noch die Geschichten der Würzlay. Oft wird der für die Trockenmauern genutzte Stein im Steinbruch in Treis an der Mosel gebrochen und findet in Trockenmauern der noch aktiven Weinlagen in Winningen Verwendung. Ebenso in der Steilstlage in der Müdener Flur Krabaun, wo – ganz ähnlich wie in Lehmen – eine dem Artenschutz dienende Nachnutzung verbrachter Weinbauflächen als Natur- und Erlebnisorte stattfindet, während direkt unterhalb ein Jungwinzer neue Methoden zur Erhaltung des Weinbaus erprobt. In Mesenich erinnert der einprägsame Steinkopf an einem von insgesamt neun Steinrauschen, also Sammelstellen von Fels und Stein, an die „steinreiche“ Vergangenheit des Ortes. Die einzelnen Orte und ihre Geschichten rund um Trockenmauern und Steinverwertung zu verknüpfen und damit Pilot für weitere Gemeinden an der deutschsprachigen Mosel zu werden, ist Ziel des Teilprojekts. Dies soll mit 360-Grad- und Drohnentechnik sowie vielen informativen Videoclips nutzerfreundlich und barrierefrei umgesetzt werden.

In Trittenheim lässt sich sehr gut ablesen, wie sich der Ort mit dem Ausbau seiner Verkehrsinfrastruktur über die Jahrhunderte entwickelte. Diese reicht von Betriebswegen in den Weinbergen, über die Hauptstraße und Moselbrücke, den Anleger von Seilfähre und Flussschiffen – sogar bis hin zum Kanu – und nicht zuletzt bis zur Errichtung einer Kleinbahn am Moselufer, dem sogenannten Saufbähnchen. Mit dem Aufkommen des Tourismus änderte sich auch das Äußere des Moselortes, Hotels entstanden in unmittelbarer Nähe zum Fluss. Ebenfalls wirkte sich die Flurbereinigung, die eine Aufhebung der kleinparzellierten Flurstruktur hin zu besser nutzbaren größeren Strukturen zum Ziel hatte, auf das Leben der Menschen aus. Ein bizarres Beispiel, wie sich Infrastruktur auf das Leben der Menschen im Ort auswirkte, zeigte sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Noch heute können Zeitzeug:innen von dem Bomberangriff auf Brücke und Bahnstation berichten, der sich als massives Erlebnis im Bewusstsein der Menschen verankert hat. Da viele Infrastrukturelemente von der Moselbrücke aus sichtbar sind, bietet sich an, dort eine Wissensstation zu installieren, um mit Videos und Drohnenbildern die Geschichte(n) des Ortes zwischen Naturraum und menschlichen Eingriffen zu erzählen.

Die einzelnen Konzepte werden nun in den kommenden Wochen nochmals im Austausch geschärft, bevor dann die Studierenden-Teams in die Kommunen fahren, um gemeinsam mit den kommunalen Teams die Beiträge zu produzieren.

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