Objekt des Monats Juli: Vom kleinsten und gleichzeitig größten Mahnmal der Welt – Stolpersteine am Beispiel des Hauses Michel in Hamm (Sieg)

Über 90.000 von ihnen pflastern wortwörtlich Straßen und Plätze in deutschen Städten und Gemeinden und bringen Passant:innen dazu, kurz innezuhalten und ihnen einen Moment der Aufmerksamkeit zu widmen. Die Rede ist von den Stolpersteinen, die zwar physisch niemanden ernsthaft zum Stolpern bringen können, die Betrachtenden aber allein aufgrund ihrer glänzenden Messing-Oberfläche und des reduzierten, aber wirkmächtigen Inhalts zumindest gedanklich stolpern lassen.

Diese mit 96 x 96 cm Grundfläche und einer Höhe von 100 mm kleinsten Gedenkorte und Mahnmale deutscher Erinnerungskultur fallen ins Auge und deuten mit ihren wenigen Angaben ganze Geschichten an: von tragischer Kindheit, von bedrohtem Familienleben, von zerstörten Hoffnungen, vom brutalen Herausreißen aus Nachbarschaften, plötzlicher eisiger Entfremdung und unmenschlichster Behandlung, ja von Mord. Aufgrund ihrer schieren Zahl sind die Stolpersteine zusammengenommen das größte Mahnmal der Welt. Erfunden wurde der Stolperstein vom Berliner Künstler Gunter Demnig (*1947), der viele Plaketten selbst installiert – es gibt auch einige in anderen europäischen Ländern – und für sein Werk neben einer Vielzahl an Auszeichnungen 2005 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen hat. Noch heute bringen Menschen ihr Mitgefühl gegenüber den NS-Opfern zum Ausdruck, indem sie diese kleinen Messingplaketten regelmäßig putzen und damit die Lesbarkeit erhalten.

Stolperstein-Erfinder und Künstler Gunter Demnig beim Verlegen von Stolpersteinen 2017 (links, Bild: Christian Michelides via Wikimedia-Commons, CC BY-SA 4.0 ) und Personen beim Reinigen von Stolpersteinen in Bozen 2015 (rechts, Bild: Zintosch7 via Wikimedia-Commons, CC BY-Sa 4.0)

In Hamm (Sieg), Modellkommune im Jahre 2025, gibt es ebenfalls einige Stolpersteine. Sie erinnern an die einst vielköpfige jüdische Gemeinde. Eine repräsentative Synagoge stand früher neben dem heutigen Kulturhaus und verkörperte die ausgeprägte und traditionsreiche jüdische Kultur im Ort. Leider fiel das imposante Gebäude der Zerstörungswut der Nationalsozialisten während der Reichspogromnacht 1938 zum Opfer. Im Teilprojekt möchten wir gemeinsam mit dem kommunalen Team, bestehend aus der Arbeitsgruppe Jüdisches Gedenken der Ortsgemeinde Hamm und der Tourist-Information der Verbandsgemeinde Hamm, die Spuren der jüdischen Mitbürger:innen erneut ins Blickfeld rücken. Denn nicht vor allen ehemals von Juden bewohnten Gebäuden sind Stolpersteine angebracht, fast möchte man sagen „zum Glück“, geht doch damit die Hoffnung einher, dass nicht alle jüdischen Einwohner:innen ermordet wurden. Einige Gebäude blieben bislang ohne Erklärung unsichtbar im Häusermeer – und diese Lücken wollen wir gemeinsam mit unseren Partner:innen und mit Studierenden der Universität Koblenz schließen.

Studentin Khadra Fischer im Gespräch mit Mitgliedern der Arbeitsgruppe Jüdisches Gedenken der Ortsgemeinde Hamm (links) und der jüdische Friedhof Hamm (Sieg), der bald in einem 360-Grad-Rundgang erkundet werden kann (Bilder: KuLaDig-RLP)

Vor dem Haus von Max und Sally Michel in der Raiffeisenstraße 4, unserem Objekt des Monats Juli, glänzt der Stolperstein von Max Michel. Er wurde gemeinsam mit seinem Sohn Sally (1889-1943), dessen Frau Berta (1907-1943) und der Tochter Ruth (1907-1943) zum Umzug nach Köln gezwungen, bevor sie in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt deportiert und ermordet wurden. Am Schicksal von Max Michel wird deutlich, wie sich Gemeinschaft gegen einen wenden kann. Der im Ersten Weltkrieg für seine Tapferkeit als deutscher Soldat mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Max Michel stellte sich in der Pogromnacht in seiner Uniform schützend vor Haus und Familie, um den Mob zurückzuhalten. Dieser Auftritt soll die Drängenden so irritiert und verunsichert haben, dass immerhin Familie und Freunde für diese Nacht nicht weiter attackiert wurden. Das aber rettete die Familie Michel nicht davor, dass wenige Tage später doch das Kommando zur Zwangsumsiedlung erfolgte.

Das Haus Max und Sally Michel in der Raiffeisenstraße 4 in Hamm (Sieg) in den 1940er Jahren und Sally Michel, der 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde, im gleichen Jahr starben die von ihm getrennte Frau Berta und die Tochter Ruth in Auschwitz (Bilder: Horst Moog, Hamm (Sieg)

Diese tragische Geschichte ist nur eine von vielen, die es in Hamm zu entdecken gibt. Die bereits bestehenden KuLaDig-Objekte zu Häusern mit und ohne Stolpersteine nehmen die Einzelschicksale der Bewohner:innen ins Blickfeld (zu finden über die Was-Suche unter dem Stichwort Hamm (Sieg). Ergänzt werden diese durch Audiobeiträge von Mitgliedern der kommunalen Arbeitsgruppe Jüdisches Gedenken der Ortsgemeinde Hamm (Sieg), die sich ehrenamtlich sehr für das Erinnern an das geschehene Unrecht engagiert und in denen weitere Geschichten erzählt werden. Mithilfe der Anschubfinanzierung wurde durch unseren Kooperationspartner Büro viriditas in Bingen, ein digitales 3D-Modell von einer existierenden Rekonstruktion der Synagoge erarbeitet, zudem wurde der etwas abseits gelegene jüdische Friedhof in 360-Grad-Panoramen erlebbar gemacht.

Die Postkarte mit den drei Sehenswürdigkeiten in Hamm (um 1920) zeigt, wie stolz man vor 1933 in Hamm neben den beiden christlichen Gotteshäusern auch auf das jüdische Kulturgut war und dieses als gleichwertig präsentierte, rechts Ansicht des 3D-Modells der Synagoge, gestaltet vom Büro viriditas.

Nicht zuletzt hat viriditas auch eine eigene App für Hamm erarbeitet, mit der man die einzelnen Stolpersteine im Ort scannen kann, um weiterführende Informationen zu den Personen angeboten zu bekommen – die betreffenden Seiten sind aktuell noch im Aufbau. Dieses Angebot dient der Ergänzung der von Gunter Demnig initiierten und seit 2020 im Aufbau befindlichen Datenbank zu Stolpersteinen. Zukünftig sollen die digitalen Angebote zu den Spuren der jüdischen Gemeinde in Hamm (Sieg) in einem Rundgang durch den Ort erfahrbar gemacht werden und auch bereits bestehende Touren von Gästeführer:innen durch ihren digitalen Mehrwert sinnvoll ergänzen.

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