In den mittlerweile siebeneinhalb Jahren, in denen unser Landesprojekt existiert, haben wir uns schon mehrfach auf die Suche nach Spuren historischer Persönlichkeiten begeben. Beispielsweise untersuchten wir 2019 in Diez die Relikte des Geschlechts Oranien und Nassau und bildeten diese in KuLaDig ab oder wir wanderten gemeinsam mit der Kamillen-Traud Gertrud Feiler durch die Vulkaneifel, um ihr entbehrungsreiches Leben nachvollziehen zu können. 2020 begaben wir uns auf die Suche nach Orten in Altenkirchen-Flammersfeld, die mit Friedrich-Wilhelm Raiffeisen, dem Mitbegründer des Genossenschaftswesens, in Zusammenhang stehen. Königlich wurde es 2023, als wir uns in Edenkoben König Ludwig I. von Bayern annähern durften, der in dem Pfälzer Ort über mehrere Jahre seine „Sommerfrische“ verbrachte. Da sich biografische Aspekte sehr gut in KuLaDig abbilden lassen und Geschichten von Menschen stets Interesse wecken, legten wir 2025 einen Schwerpunkt auf die Betrachtung von Personen mit historisch bedeutsamen Lebenswegen.



Impressionen der Begehung von Horchheim im Mai 2025 durch das KuLaDig-RLP-Team und beteiligte Studierende
Unter anderem [hier geht es zu einer Übersicht über die Teilprojekte 2025] wendeten wir uns im Koblenzer Stadtteil Horchheim gemeinsam mit den lokalen Partnern, den Horchheimer Heimatfreunden, und Studierenden unserer Uni einer höchst illustren Familie zu: Der Familie Mendelssohn. Diese eigentlich aus Berlin stammende jüdische Bankiersfamilie hatte es durch kluges Walten zu Ansehen und Vermögen gebracht. Ein Abkömmling der Familie, Joseph Mendelssohn, verguckte sich während einer Bahnfahrt nach Frankfurt am Main in einen kleinen, idyllischen Ort am Rhein: Horchheim, heute Stadtteil Koblenz-Horchheim. 1818 erwarb Benjamin Mendelssohn im Auftrag seines Vaters das Reiffenberger Gut, das sich die Familie nach eigenem Geschmack umbauen ließ. Neben dem Palais Mendelssohn, das 1970 einem Feuer zum Opfer fiel und wenige Jahre später abgerissen wurde, sind der Mendelssohn-Park, das Teehaus sowie die Allee am Rheinufer zu nennen. Doch die Familie Mendelsohn, darunter auch der berühmte Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy, verbrachte nicht nur viel Zeit im neuen Domizil. Als großzügige Mäzene, die der Ortsgemeinde und ihren Menschen stets offen und herzlich zugetan waren, hinterließ die kunstsinnige Familie auch eine Schule und stiftete eine Kopie von Raffaels Sixtinischer Madonna für die Pfarrkirche, zudem betrieb sie eine Weinlage. Erst der Bau der Eisenbahntrasse in den 1860er/70er Jahren, die das großzügige Grundstück der Familie brutal durchschnitt, ließ das Interesse der Mendelssohns an ihrem Horchheimer Gut schwinden und trug letztendlich zur Aufgabe bei. 1902 verschenkte die Familie ihre Horchheimer Besitzungen an Kaiserin Auguste Viktoria, die das Palais den Kaiserswerther Diakonissen zur weiteren Nutzung übergab.

In KuLaDig sollen in Kürze alle Mendelssohn-Spuren in Horchheim unter dem bereits veröffentlichten Themenbeitrag, unserem Objekt des Monats, in Form von Objektbeiträgen verfügbar sein. Angereichert werden sollen sie mit kurzen Audio-Impulsen, in denen den Nutzer:innen in kleinen Episoden in die damalige Zeit versetzt werden, um Neugier zu wecken und weitere Fragen aufzuwerfen, eingebettet in einen 360-Grad-Raum. Auch wurde in Horchheim erstmals der Versuch gestartet, aus älteren Vorträgen in PDF-Format mithilfe von KI Podcasts zu erstellen und damit die Frage zu eröffnen, ob diese KI-basierte Methode das Potenzial hat, längere Texte in nutzerfreundliche Formate zu überführen?
Ebenso experimentieren wir in Horchheim mit der Animation alter Fotos oder von Gemälden, hier zum Beispiel eines Familienportraits von 1860 im Garten vor dem Palais:
Die Mitglieder des Vereins Heimatfreunde Horchheim e.V. haben es sich zur Aufgabe gemacht, an die Ortsgeschichte und besonders auch an das Wirken der Mendelssohns in Horchheim sichtbar zu erinnern. Neben der Beteiligung an unserem Landesprojekt stellt insbesondere die Einrichtung des Mendelssohn-Zimmers im Museum des Vereins einen wichtigen Schritt für die Inszenierung des Themas im Ort dar. Für einen weiteren Schritt wurde im April die Grundlage geschaffen.


Herausfordernde Orte für eine Sichtbarmachung im Ort: Kopie der Raffael-Madonna in der Pfarrkirche und Unterführung vom Ortskern zum Rhein. Wie lassen sich Aufmerksamkeit, Sensibilität, Wissensvermittlung und Finanzierung in Einklang bringen? (Fotos: Stadt Koblenz)
Die Projektverantwortlichen aus Verein und KuLaDig-RLP-Team trafen sich in Horchheim mit Vertreter:innen der Stadt, um die KuLaDig-Objekte mit Mendelssohn-Bezug in Augenschein zu nehmen und gemeinsam zu überlegen, an welchen Stellen und in welcher Form das Projekt „auf die Straße gebracht“ werden könnte, was ja stets das Ziel unseres Ansatzes ist. Dies erfolgt auch mit Blick auf die Bundesgartenschau 2029, da der Stadtteil gewissermaßen ein Tor zum Oberen Mittelrheintal darstellt. Neben kleineren Plaketten an den Objekten und Wissensstationen zum Beispiel im Park, an der Rheinpromenade und im Mendelssohn-Zimmer des Heimatmuseums wurde auch eine künstlerische Ausgestaltung – Grafitti-Bilder von Mendelssohn-Familienmitgliedern – in der Unterführung von Horchheim hin zum Fußgänger- und Radweg am Rhein diskutiert, um Passant:innen dort abzuholen. Die Gespräche mit der Stadt laufen und die Abstimmung mit allen Beteiligten bis hin zur Deutschen Bahn AG sind aufwändig und mitunter kompliziert. Indessen werden die digitalen Inhalte nach und nach in KuLaDig veröffentlicht.


Ortstermin mit der Stadt Koblenz: Wie kann man das Mendelssohn-Denkmal im Park in die Präsentation einbinden? Wie kann man das Mendelssohn-Zimmer im Heimatmuseum gestalten? (Fotos: Heimatverein Horchheim)