Kulturelles Erbe hat viele Gesichter – Folge 14: Anette Marciniak-Mielke

Name: Anette Marciniak-Mielke

Funktion: Ortsbürgermeisterin der Ortsgemeinde Helferskirchen, Vorsitzende des
Vereins „Unser Helferskirchen“ e.V.

Persönlicher Hintergrund: Geboren wurde ich in Hessen als Tochter eines Berliners und einer Schlesierin, der Krieg hatte die Familiengeschichten der beiden auf den Kopf gestellt. Aber hier in Helferskirchen bin ich in einem alten Fachwerkhaus aufgewachsen, nach dem Studium wieder hierhin, weil es so schön ist, zurückgekehrt. Beim Amtsgericht im nahen Montabaur war ich als Rechtspflegerin tätig. Kulturen, Geschichte und die Menschen dahinter, gesellschaftliche Entwicklungen sind meine Interessen.

2011 hatte ich die Idee, zum Fest der Landwirtschaft einen Generationengarten in der Dorfmitte und am Kindergarten anzulegen, zum erlebbaren Tradieren von Wissen und der Kultur des gemeinsamen Essens. Mein Wunsch war, meine Idee und deren Umsetzung in Form eines Filmes von und mit Senioren im Dorf zu dokumentieren, um deren Geschichte für die Zukunft festzuhalten. Mit dem Vorhaben einer Dorfmoderation unter Beteiligung der Einwohner bewarb ich mich als Ortsbürgermeisterin. Seit 2014 habe ich dieses Ehrenamt inne.

Persönliches Motto: Dem Schönen, Kunst, Kultur und der Geschichte Raum geben – wenn ich weiß, wo ich
herkomme, weiß ich wohin ich gehe.

Anette Marciniak-Mielke mit Mitgliedern des kommunalen Teams und Projektleiter Michael Klemm (li) bei der Begehung von Helferskirchen 2020 vor der Karte des Historienweges.

Was bedeutet Ihnen kulturelles Erbe? Warum ist es für Sie so wichtig, sich dafür zu engagieren?

Wir sind heute fasziniert beim Betrachten von Kunstwerken, Gebäuden, Schmuckstücken, Grabbeigaben, Kultstätten…, die z.B. geschickte, gebildete Inkas, Ägypter, Nuragher, Babylonier, Chinesen – oder wie die Himmelsscheibe von Nebra hier im jetzigen Deutschland vor über 3600 Jahren – ohne heutige Techniken, Hilfsmittel, IT mit Weitsicht und unglaublichem Wissen geschaffen haben. Waren die Grundbedürfnisse befriedigt, gab es Raum – oder besser ZEIT – für bildende Künste und Musik.

Das Thema Zeit haben wir im Ort aufgegriffen: Kinder sollten im Generationengarten erfahren, dass es Zeit zum Wachsen benötigt, sich das Warten auf die Ernte ebenso lohnt wie auf das gemeinsame Essen nach der Zubereitung. Über das initiierte Filmprojekt – mit mehr als 30 Senioren – zum Festhalten der Geschichte, konnte erfahrbar werden, wie man früher Zeit genutzt oder miteinander verbracht hat und welche Fertigkeiten sich angeeignet wurden, um seinen Alltag zu gestalten, Projekte umzusetzen – oder wie man gefeiert hat. Zentral war die Handarbeit, damit die Wertschätzung gegenüber dem, der einen Gegenstand erschaffen konnte, in dem so viel Zeit gebunden war – wie z.B. der Schuh, der erst nach einer Woche passgenau fertiggestellt ist und Jahre halten musste. Diese Wertschätzung gilt es heute mehr denn je zu vermitteln, denn diese gilt dem Menschen als Hersteller, nicht dem Objekt.

Blick in den 360-Grad-Ausstellungsraum des Dorfmuseums Helferskirchen

2002 wurde in Helferskirchen ein Dorfmuseum in einem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus mit Hunderten von Leihgaben aus dem Dorf eröffnet, ein faszinierender Ort. 2016 startete die Dorfmoderation, in deren Rahmen die Idee eines „Historienweges“ geboren worden war. Welche Gebäude – gleich ob noch vorhanden oder bereits umgebaut, abgerissen – waren prägend für das Dorf? Welche Geheimnisse und Geschichten sind damit verbunden? Es galt damit einen weiteren Schatz zu heben, der ohne die Ortschronisten Toni Dupp und Werner Hehl sowie Marlene Heibel, deren Spezialgebiet die Zuordnung von Personen ist, nicht geborgen worden wäre.

Was machen Sie konkret zur Bewahrung oder Präsentation des kulturellen Erbes?

Es gibt seit 10 Jahren die Aktion „Muse-im-Museum“ zur Belebung des Dorfmuseums, bei der sich Künstler im Museum präsentieren können. Das Jubiläum des Dorfmuseums in 2027 ist in Planung. Ein Treffen aller an Heimatkunde Interessierter – über den gleichnamigen Verein – fand bei uns im Juni 2026 statt. Die Kulturträger, also die Ortsvereine, erhalten – an unserer Wirtschaftslage orientiert- finanzielle Unterstützung.

Kirmesgesellschaft mit Ortsbürgermeisterin Anette Marciniak-Mielke im Vordergrund ( Bild: OG Helferskirchen)


Es gibt Gedenksteine (Bild s. u.), die an die besonderen Feste erinnern. Mit der Unterstützung des KuLaDig-RLP-Teams wurden QR-Codes gestaltet und die Projektanschubfinanzierung wurde in 360°-Aufnahmen von Kirche und Museum investiert. Worauf ich stolz bin, ist, dass es mir gelungen ist, für die Objekte und Orte, die in den KuLaDig-Beiträgen beschrieben werden, von einem regionalen Fliesenhersteller aus unserem Ton QR-Codes auf Keramik drucken zu lassen. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten: So dienen zwei große Eichenbalken aus einem abgerissenen Fachwerkhaus am Platz nebenan als Sitzbank

Anette Marciniak-Mielke präsentiert beim 20-jährigen Jubiläum des Dorfmuseums die neuen QR-Code-Kacheln, links Paul Müller, Leiter des Dorfmuseums (2022)

Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Projektarbeit gemacht?

Die wertvollste Erfahrung waren die Gespräche/Interviews der Senioren beim Filmprojekt und mitzuerleben, wie sich viele Puzzlesteine der Erinnerungen zu Bildern formten. Die unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Uni Koblenz, die KuLaDig selbst lebten, die sehr engagierten Studentinnen, heben den Stellenwert auch fürs Dorf. Der Fundus der Bilder und Geschichten konnte mit dieser Aufmerksamkeit erweitert werden. Dass dieser Film vereinigt mit den Daten des Historienweges – durch das KuLaDig-Projekt in solchem Maß bereichert – in Kombination nun angeboten wird, ist unschätzbar wertvoll.

Anette Marciniak-Mielke interviewt Menschen aus Helferskirchen zu Bräuchen und Tradition, hier den Umgang mit Naturprodukten oder den wöchentlichen Waschtag (2012)

Wie ging es weiter nach dem Projektende?

Hier bleibt „meinem Museumsdirektor“ Paul Müller zu danken, der mit immer noch großer Begeisterung Führungen anbietet, an der unermüdlichen Suche nach Fotos für unseren Historienweg arbeitet. Dieser soll sich etablieren.

Teilnahme an einer Diskussionsrunde zu Citizen-Science-Projekten und zum Umgang mit kulturellem Erbe im Rahmen der Nacht der Forschung 2024 an der Universität Koblenz.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Das Ziel lautet, einen Escape Room für Schüler (evtl. auch Erwachsene) zu erstellen, da nicht alle Klassen die Möglichkeit haben, unser Dorfmuseum vor Ort zu besuchen. Wissen um Traditionen gilt es weiterhin zu vermitteln. Ich wünsche mir, dass über die Beschäftigung mit dem zwar Vergangenen, aber immer noch Präsenten eine Wertevermittlung auf das wirklich Wichtige, die Menschen und nicht die Dinge, ermöglicht wird.

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