Kulturelles Erbe hat viele Gesichter – Folge 17: Dr. Jörg Kreutz

Name: Dr. Jörg Kreutz

Funktion: Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins “Oberkailer Zeitspuren e. V.”

Im Teilprojekt: Ansprechpartner und Autor im KuLaDig-RLP-Projekt Oberkail

Persönliche Hintergründe / beruflicher Werdegang: Jörg Kreutz, Jahrgang 1974, stammt aus Oberkail, lebt heute in Koblenz und ist Vater von zwei Kindern. Er ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik am Kurfürst-Balduin-Gymnasium in Münstermaifeld und leitet dort die gymnasiale Oberstufe. Neben seiner beruflichen Tätigkeit beschäftigt er sich seit seiner Kindheit intensiv mit der Geschichte seines Heimatortes Oberkail. Zu seinen Veröffentlichungen gehören unter anderem die gemeinsam mit Erich Gerten verfasste Geschichte der Frohnertkapelle (1996) sowie die 2001 erschienene Ortschronik Oberkail – Geschichte eines Dorfes in der südlichen Eifel, die er gemeinsam mit Erich Gerten und Claus Rech verfasste.

Geschichte gehörte für Jörg Kreutz schon früh zum eigenen Leben. Er wuchs in Oberkail zwischen Ortskern und Bungert, unweit der Burg, auf. Als Kind gehörte für ihn die Burg zunächst ganz selbstverständlich zum Dorfleben dazu. Mit der Zeit wurde aus der kindlichen Neugier ein echtes Interesse an alten Gebäuden, der Burg- und Schlossanlage und an den Geschichten der Menschen, die dort lebten.

Ein Schlüsselereignis war Weihnachten 1982: Seine Eltern schenkten dem damals achtjährigen Jörg die kleine Oberkailer Chronik von Erich Gerten und Ewald Heinz. In das Buch schrieben sie: „Unserem lieben Heimatkundler Jörg von Deinen Eltern Weihnachten 1982“. Er las die Chronik immer wieder. Widersprüche zwischen verschiedenen Darstellungen weckten bald seinen Forscherdrang. Als Schüler fuhr er sogar allein mit dem Bus nach Trier ins Bistumsarchiv, um in Kirchenbüchern nach seinen eigenen Vorfahren zu suchen.

In der Schule belegte er Mathematik, Physik und Geschichte als Leistungskurse, wollte letztere aber nicht im Studium belegen, sondern lieber als Hobby behalten. Nach dem Studium und einer Promotion in Physik zur optischen Festkörperspektroskopie an Molekülkristallen wurde aus diesem Hobby jedoch längst eine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Geschichte Oberkails.

Persönliches Motto: „Komm mit und schau.“

Jörg Kreutz bei einem Vortrag über das ehemalige Burgen- und Schlossareal in Oberkail, von dem noch Teile erhalten sind (Bild: Beate Kabisreiter)

Was bedeutet Ihnen kulturelles Erbe? Warum ist es für Sie so wichtig, sich dafür zu engagieren?

Kulturelles Erbe ist für mich sehr viel mehr als ein schönes altes Gebäude. Dazu gehören die Baukultur, aber ebenso religiöse und geistige Traditionen, Geschichten von Familien und Menschen und Dinge, die über Generationen weitergegeben wurden. Selbst ein Hausname kann dabei ein wichtiger Teil des Erbes sein – meist erzählt er mehr über die Geschichte eines Hauses als der heutige Familienname. Das Entscheidende ist für mich der Begriff „Erbe“. Man bekommt etwas, das man nicht selbst geschaffen hat. Damit ist aber auch ein Auftrag verbunden: Man muss dieses Erbe annehmen, sich damit auseinandersetzen und es an die nächste Generation weitergeben. Gerade bei den historischen Häusern geht es deshalb nicht darum, die Vergangenheit einfach einzufrieren. Ein Haus muss auch im 21. Jahrhundert bewohnbar sein. Es soll nicht wieder so eingerichtet werden müssen wie z.B. im Jahr 1815. Aber mit der historischen Substanz sollte man verantwortungsvoll umgehen und verstehen, was man vor sich hat. Ich wünsche mir, dass Menschen ihre unmittelbare Umgebung dadurch mit anderen Augen sehen. Geschichte beginnt nicht erst im Museum oder in einem Archiv – sie kann direkt vor der eigenen Haustür beginnen, manchmal sogar im eigenen Haus.

Jörg Kreutz erläutert in einem Video anhand von Karten und Illustrationen, wie sich der Ort Oberkail mit der Zeit entwickelt hat (Video: J. Kreutz)

Was machen Sie konkret zur Bewahrung oder Präsentation des kulturellen Erbes?

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist die historische Forschung. Mich interessiert dabei nicht nur, wann ein Haus gebaut wurde und wer darin wohnte. Ich möchte möglichst verstehen, wie Menschen früher gelebt haben: Wie alt waren sie bei der Heirat? Wie viele Kinder hatten sie? Wer konnte Eigentum erwerben? Wie wurden Häuser und Grundstücke vererbt? Welche sozialen Unterschiede gab es? Dafür arbeite ich mit den unterschiedlichsten Quellen – von Kirchenbüchern und Katasterunterlagen bis zu Rechnungen, Lagerbüchern und anderen historischen Dokumenten. Dabei ist mir ein kritischer Umgang mit Quellen wichtig. Widersprüche gehören zur historischen Forschung dazu. Eine interessante Geschichte ist für mich weniger wert, wenn sie sich nicht belegen lässt. Seit der Gründung von Oberkailer Zeitspuren e. V. am 8. März 2025 hat diese Arbeit auch einen organisatorischen Rahmen bekommen. Der Verein ist von zunächst 14 auf inzwischen über 25 Mitglieder gewachsen. Wir beschäftigen uns mit Haus- und Familiengeschichten, führen Gespräche mit älteren Einwohnerinnen und Einwohnern, die wir aufzeichnen, und machen Geschichte in Veranstaltungen und Führungen sichtbar.

Studierende der Universität Koblenz produzierten gemeinsam mit Jörg Kreutz und weiteren Menschen in Oberkail Videos zur Geschichte einzelner historischer Gebäude – hier das Haus Miehla, auch Haupisch genannt (Video: KuLaDig-RLP, 2025)

Ein besonders wichtiges Projekt ist die Zusammenarbeit mit KuLaDig Rheinland-Pfalz. Ursprünglich wollten wir mit zehn Häusern beginnen. Inzwischen gibt es mehr als 40 Hausartikel zu mehr als 60 Gebäuden. Dazu kommen 63 Haustafeln, die auf Initiative des Projekts an den Häusern angebracht wurden.Kulturelles Erbe ist für mich sehr viel mehr als ein schönes altes Gebäude. Dazu gehören die Baukultur, aber ebenso religiöse und geistige Traditionen, Geschichten von Familien und Menschen und Dinge, die über Generationen weitergegeben wurden. Selbst ein Hausname kann dabei ein wichtiger Teil des Erbes sein – meist erzählt er mehr über die Geschichte eines Hauses als der heutige Familienname. Das Entscheidende ist für mich der Begriff „Erbe“. Man bekommt etwas, das man nicht selbst geschaffen hat. Damit ist aber auch ein Auftrag verbunden: Man muss dieses Erbe annehmen, sich damit auseinandersetzen und es an die nächste Generation weitergeben. Gerade bei den historischen Häusern geht es deshalb nicht darum, die Vergangenheit einfach einzufrieren. Ein Haus muss auch im 21. Jahrhundert bewohnbar sein. Es soll nicht wieder so eingerichtet werden müssen wie z.B. im Jahr 1815. Aber mit der historischen Substanz sollte man verantwortungsvoll umgehen und verstehen, was man vor sich hat. Ich wünsche mir, dass Menschen ihre unmittelbare Umgebung dadurch mit anderen Augen sehen. Geschichte beginnt nicht erst im Museum oder in einem Archiv – sie kann direkt vor der eigenen Haustür beginnen, manchmal sogar im eigenen Haus.

Für mich ist KuLaDig besonders interessant, weil historische Inhalte dort zeitgemäß präsentiert werden können. Ein Buch kann ein Haus sehr schön abbilden. Online sind aber zusätzlich Videos und andere Medien möglich – und vor allem können die Menschen, die heute in diesen historischen Gebäuden leben, selbst zu Wort kommen.

Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Projektarbeit gemacht?

Eine der schönsten Erfahrungen ist, dass Geschichte plötzlich ganz konkret wird.

Bei der Arbeit mit historischen Quellen hat man oft das Gefühl, einzelne Puzzleteile zusammenzutragen. Besonders spannend wird es, wenn sich daraus über mehrere Jahrhunderte hinweg ein Bild entwickelt. Man stößt zum Beispiel auf einen alten Eintrag über ein Grundstück und stellt später fest, dass genau diese Fläche in der Familie noch bis in die jüngere Vergangenheit bewirtschaftet wurde. Genauso interessant ist die mündliche Überlieferung. Sie ist natürlich nicht automatisch richtig. Aber sie ist deshalb nicht wertlos. Auch eine möglicherweise falsche Familiengeschichte kann einen Hinweis geben, dem man anschließend in den Quellen nachgeht. So kann aus einer Erzählung ein Ausgangspunkt für neue Forschung werden. Auch die Häuser selbst sind für mich Quellen. Wenn man durch ein Gebäude geht, sieht man Dinge, die in einem Archiv nicht auftauchen: alte Fenster, zugemauerte Öffnungen, unterschiedliche Mauerstärken, einen Dachstuhl oder Veränderungen aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Ein Haus muss man deshalb gewissermaßen „spüren und erleben“. Besonders beeindruckend ist für mich aber die Reaktion der Menschen. Beim Tag des offenen Denkmals am 13. September 2026 kamen etwa 400 bis 500 Besucherinnen und Besucher nach Oberkail. Viele Bewohnerinnen und Bewohner interessieren sich inzwischen dafür, wann die Geschichte ihres eigenen Hauses erzählt wird. Und immer wieder melden sich Menschen von außerhalb, die durch einen KuLaDig-Artikel auf ihre Vorfahren stoßen. Dann merkt man, dass der Funke überspringt. Genau das ist für mich ein großer Erfolg.

Wie ging es weiter nach dem Projektende?

Eigentlich kann man bei unserem Projekt gar nicht von einem klassischen Projektende sprechen. Aus der ursprünglichen Idee, die ältesten Häuser Oberkails sichtbar zu machen, ist eine dauerhafte Beschäftigung mit der Ortsgeschichte geworden. Die Zahl der Häuser und Themen ist immer weiter gewachsen. Mit den Oberkailer Zeitspuren gibt es inzwischen auch einen Verein, der diese Arbeit langfristig weiterführen kann. Das ist für mich eine besonders schöne Entwicklung: Geschichte bleibt nicht bei einer einmaligen Ausstellung oder einem abgeschlossenen Projekt. Sie wird weiter erforscht, ergänzt und immer wieder neu erzählt. Auch künftig gibt es noch sehr viel zu tun. Ziel ist, möglichst alle Häuser des Dorfes, die vor 1900 erbaut wurden, zu dokumentieren. Darüber hinaus unterstütze ich Matthias Heinen bei der Erstellung eines Familienbuchs über Oberkail. Und das Material, das inzwischen von Vielen zusammengetragen wurde, würde durchaus genug Stoff für weiterführende wissenschaftliche Arbeiten bieten. Vor allem aber wünsche ich mir, dass die Arbeit nicht an einzelnen Personen hängen bleibt. Sie sollte von einer neuen Generation übernommen und weiterentwickelt werden.

Führung am Tage des offenen Denkmals 2026 zu historischen Gebäuden in Oberkail (Bild: Irmgard Arnoldy-Müller)

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir vor allem, dass wir jüngere Menschen für die Beschäftigung mit Geschichte gewinnen. In zehn Jahren würde ich gerne zu den Älteren im Verein gehören – und nicht zu den Jüngeren. Man muss dafür kein ausgebildeter Historiker sein. Eigentlich reicht zunächst Neugier. Wer wissen möchte, warum ein Haus so aussieht, wie es aussieht, wer dort früher lebte oder woher ein Hausname kommt, hat schon einen guten Einstieg.

Ich wünsche mir außerdem eine stärkere Vernetzung mit anderen Geschichts- und Heimatvereinen und eine Fortsetzung der Zusammenarbeit im KuLaDig-Netzwerk in Rheinland-Pfalz. Denn Ortsgeschichte endet nicht an der Gemeindegrenze. Und ich hoffe, dass wir vermitteln können, dass kulturelles Erbe nicht nur etwas ist, das man bewahren soll, weil es alt ist. Es kann für Menschen heute interessant und relevant sein – und es kann helfen, die eigene Heimat besser zu verstehen. Deshalb würde ich einem Jugendlichen, der sich für Geschichte interessiert, wahrscheinlich gar keinen langen Ratschlag geben. Ich würde einfach sagen: „Komm mit und schau.“ Denn kulturelles Erbe ist für mich nicht nur Vergangenheit. Es ist etwas, das wir übernommen haben, mit dem wir heute umgehen und das wir an diejenigen weitergeben, die nach uns kommen.

Neue Schilder mit QR-Codes an den Gebäuden in Oberkail führen zu den digitalen Inhalten in KuLaDig (Bild: Ida Kreutz)

Titelbild: Ida Kreutz, 2026

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