Themen

Kamillen-Traud: Kombination von historischer Figur, Roman und Sozialgeschichte

In der Verbandsgemeinde Kelberg wurde im ersten Projektjahr 2019 eine für KuLaDig ganz neue Idee gewagt: den Lebensweg einer historischen Person anhand von acht Stationen in der Landschaft darzustellen. Hintergrund dieser Idee war der biografische Roman „Kamillenblumen. Roman aus der Eifel“ von Ute Bales, der 2008 erstmals erschien und in der Eifel zum Bestseller wurde. Der Roman schildert anschaulich das Leben der Bauerstochter und späteren Hausiererin Gertrud Feiler (1884-1964), die mit ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters obdachlos wurde und ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von getrockneten Kamillenblumen bestritt. Die Kamillen-Traud, wie Gertrud Feiler bereits von den Zeitgenossen genannt wurde, wanderte Zeit ihres Lebens in der Vulkaneifel umher – und dort insbesondere in der Region Kelberg – bis sie im Jahre 1962 in die Rheinische Provinzial-Irrenanstalt in Andernach eingeliefert wurde und dort zwei Jahre später verstarb.

In Kelberg wurde überlegt, die Figur der „Kamillen-Traud“ in KuLaDig zu nutzen, um verschiedene Aspekte der regionalen Zeit- und Sozialgeschichte zu vermitteln. Ein Problem war jedoch, dass nur wenige konkrete Orte ermittelt werden konnten, die mit der historischen Traud in Verbindung gebracht werden können. Daher mussten in KuLaDig erstmalig auch „Stellvertreter-Orte“ genutzt werden, wie beispielsweise ein Kamillenfeld oder ein Waldsaum.

Die KuLaDig-Objekte aus Kelberg folgendermaßen strukturiert: In einem ersten Teil wird der jeweilige Standort dargestellt. Es folgt die Erläuterung eines sozialhistorischen bzw. zeitgeschichtlichen Aspektes, bevor anhand einer ausgesuchten Stelle aus Ute Bales Roman, eine passende Lebenssituation der Traud anschaulich gemacht wird. Audiodateien, Auszüge von Interviews mit Zeitzeugen und der Aurorin Ute Bales, ergänzen die Textbeiträge und liefern Hintergrundinformationen zur Traud und zum Roman „Kamillenblumen“.

 

Kulturelles Erbe im kleinsten Ort: Bobenthal

Die 300-Seelengemeinde Bobenthal nahm 2019 als eine von neun Kommunen am ersten Durchlauf des Projektes „KuLaDig Rheinland-Pfalz“ teil. Die Lage des Ortes, unmittelbar an der Grenze zu Frankreich sowie die daraus resultierende wechselvolle Geschichte, machten Bobenthal zu einer interessanten Modellgemeinde. 

Der kleine Ort wechselte in seiner Geschichte mehrfach die Staatszugehörigkeit, war sowohl Teil Frankreichs, als auch Deutschlands. Noch heute dient die Wieslauter  als „weiche Grenze“ zum Nachbarn Frankreich und prägte darüber hinaus die Landschaft und Kultur der Region. Im Jahr 1950 wurde das zu Bobenthal gehörende Sankt Germanshof zum politischen Schauplatz. Studierende aus Frankreich und Deutschland rissen in einer geplanten Aktion die Schlagbäume nieder und verbrannten diese auf der Wiese am Sankt Germanshof. Noch heute kündet das „Europadenkmal“ von dieser symbolträchtigen Studentenrevolte. Mittlerweile verfügt Bobenthal über 14 Objektbeiträge und eine KuLaDig-Route, die sich gut in das bereits bestehende Wanderwegenetz des Dahner Felsenlandes integrieren lässt und die Vielseitigkeit des kleinen Ortes auch für Außenstehende erlebbar macht.

 

Oranierstadt Diez, Leben in Saarburg am und vom Wasser, religiöses Dörrebach: Teilaspekte der Ortsgeschichte darstellen

In vielen Orten gibt es natürlich eine ganze Bandbreite an Themen und Objekten, die sich für KuLaDig eignen würden. So auch in den Städten Diez und Saarburg und in der Ortsgemeinde Dörrebach, die 2019 am ersten Projektdurchlauf teilnahmen. In gemeinschaftlicher Arbeit wurde durch das KuLaDig-Projektteam und die Projektteams vor Ort für jede Kommune ein thematischer Schwerpunkt ausgesucht, der alle im Durchlauf entstehenden Objekte umfassen sollte. In Diez wurde beschlossen, die Stadt zur Zeit der Herrschaft der Nassauer und Oranier näher zu betrachten und gezielt Objekte aus dieser Zeit in KuLaDig zu erstellen, beispielsweise die Amtsapotheke. Eine Besonderheit für Saarburg ist, dass bereits im Mittelalter die Stadtherren die Lage an Leukbach und Saar klug auszunutzen wussten.

So ließen die Saarburger Stadtherren das Bachbett der Leuk umverlegen. Der Bach floss von nun an unmittelbar durch den Ort. Auf diese Weise entstand ein Wasserfall, dessen Energie schon früh zum Antrieb von Mühlen genutzt wurde.  

Als weiteres Beispiel aus Saarburg ist die Glockengießerei Mabilon zu nennen, die bereits seit dem späten 18. Jahrhundert an diesem Standort besteht. Wieder spielte das Wasser für die Standortwahl des KuLaDig-Objekts eine Rolle, ließen sich über die Saar die teils tonnenschweren Produkte in alle Teile der Welt transportieren. In den Räumen des Traditionsbetriebes ist heute ein Museum untergebracht, das Einblicke in das Glockengießerhandwerk erlaubt.

In Dörrebach, einer kleinen Ortsgemeinde mit ca. 700 Einwohnern im Landkreis Bad Kreuznach, gab es bereits eine große Zahl von KuLaDig-Objekten, sodass es viemlehr darum ging, diese Objekte thematisch neu zu gruppieren. In Dörrebach stellte sich eine besondere Dichte an religiösen Orten heraus, die neben den beiden Kirchen und Kapellen – also christlich geprägten Orten – auch den Standort einer ehemaligen Synagoge und einen jüdischen Friedhof mit umfasst. Daher bot sich eine Gewichtung auf das Thema „Religiöse Orte in Dörrebach“ an. 

Das Pferd als Kulturgut: Die Geschichte des Zweibrücker Gestüts erzählen ohne historische Bausubstanz

Die Stadt Zweibrücken war sowohl von der Fläche als auch der Einwohnerzahl die größte teilnehmende Kommune des ersten Durchlaufs. Auch hier war klar, dass die Fokussierung auf einen bestimmten thematischen Aspekt der Stadtgeschichte notwendig sein würde. Die Wahl fiel auf das traditionsreiche und bereits über 260 Jahre bestehende Landgestüt Zweibrücken.

Das Gestüt kann auf eine reiche und wechselvolle Geschichte zurückblicken. Napoleon Bonaparte persönlich hatte, nachdem das Gestüt an seinem ursprünglichen Standort während des Pfälzischen Erbfolgekrieges 1793 zerstört worden war, den Wiederaufbau am heutigen Standort befohlen und dem Gestüt sogar seinen eigenen Hengst als Zeichen seiner besonderen Wertschätzung geschenkt. Es gab jedoch auch ein Problem: Der heutige Baubestand des Gestüts stammt vollständig aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die alte Gestütsanlage war komplett im Jahr 1944 alliierten Bombern zum Opfer gefallen. Die Herausforderung für dieses Teilprojekt bestand demnach darin, die ursprüngliche Gestütsanlage nachvollziehbar zu machen. Ein alter Grundriss aus dem Jahre 1808 sowie historische Abbildungen ermöglichten es, die Gestütsbestandteile, beispielsweise die Besamungsstation, in Objektbeiträgen darzustellen. Ausgehend von den heutigen Gestütsgebäuden wird in jedem Beitrag der Blick in die Vergangenheit gelenkt: Was befand sich beispielsweise dort, wo heute die große Reithalle verortet ist im 18. Jahrhundert?

Der Grundriss aus dem Jahr 1808.

Darüber hinaus galt es anhand der einzelnen Objekte auch das Kulturgut „Pferd“, seine Stellung im alltäglichen Leben, die Pferdezucht etc. näher zu beleuchten. Vor Ort sollen Infotafeln in unmittelbarer Nähe zum jeweiligen Objekt, die BesucherInnen des Gestüts auf die KuLaDig-Objekte hinweisen.

 

Das übersehene Einzelobjekt: Der Schiffermast in Kamp-Bornhofen

Kamp-Bornhofen ist durch seine Lage mitten im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal geprägt – und damit auch durch die Lebensader Rhein. Das in gemeinschaftlicher Arbeit durch das KuLaDig-Projektteam und das engagierte kommunale Team erstellte Konzept sah vor, die lange Tradition der Schifferei und Flößerei in der Ortsgemeinde näher zu behandeln. Auf diese Weise kann Kamp-Bornhofen zudem frühzeitig einen Beitrag zur Bundesgartenschau (BUGA) 2029 liefern und sich mit anderen Orten im Tal vernetzen.

Die Mitarbeiter des „Flösser- und Schiffermuseums Kamp-Bornhofen“, untergebracht im Rathaus des Ortes, lieferten die Expertise zum Thema, der erste Beigeordnete des Ortes half bei der Texterstellung mit. Aufgrund des späteren Starts als andere Teilprojekte konnten nämlich keine Studierenden unterstützen. Das Engagement des kommunalen Projektteams machte es möglich , dass die KuLaDig-Beiträge aus Kamp-Bornhofen zeitgleich mit denen der anderen Kommunen in den Workflow der Qualitätssicherung und Freigabe gegeben werden konnten .

Vielen Menschen, die den Rhein hinunterfahren und Kamp-Bornhofen passieren, sehen den Schiffermast von Kamp-Bornhofen ohne dessen Bedeutung erkennen zu können. Bislang fehlte es auch an Informationen, wenn man im Internet nach diesem Objekt gesucht hat. Und noch eine innovative Idee wurde realisiert: Von nun an wird das Objekt sowie die anderen KuLaDig-Beiträge aus Kamp-Bornhofen auch für Erwachsene und für Kinder gleichermaßen erfahrbar sein, denn für jedes Objekt wurde in Zusammenarbeit mit der örtlichen Kindertagesstätte und Grundschule eine kindgerechte Version angefertigt.