Objekt des Monats April: Discothek Lazy Sunday in Alzey

Im Jahr 1968 hatte die drei Jahre zuvor in London gegründete Rockband „Small Faces“ einen Hit mit dem Song „Lazy Sunday afternoon“. Im Refrain heißt es: „Lazy sunday afternoon, no mind to worry, close my eyes and drift away“ (Übersetzung: Fauler Sonntagnachmittag, ich habe keine Lust, mir Sorgen zu machen, schließe meine Augen und treibe weg). Diese Lyrics und das darin beschriebene Gefühl fanden damals in der jungen Generation einen Widerhall, wurden zum Ausdruck einer Jugendkultur, auch in Deutschland + und auch in der Stadt Alzey, 20 Kilometer nördlich von Worms. Dort erhielt die Jugend von unerwarteter Stelle Unterstützung: in der Person des katholischen Kaplans Johannes Kraus. Kraus organisierte gemeinsam mit Messdienern und weiteren engagierten jungen Menschen im Keller des katholischen Vereinshauses in der Straße Am Kirchplatz 7 in Alzey eine Discothek. Diese – in Anlehnung an den Small-Faces-Song Lazy Sunday benannt – avancierte zu einem der wichtigsten Treffpunkte für die Alzeyer Jugend bis in die frühen 1980er Jahre hinein.

Von außen wirkt das katholische Vereinshaus – heute Kardinal-Volk-Haus – völlig unauffällig. Hier wurde aber von 1968 bis in die 1980er Jahre hinein mit der Disco Lazy Sunday Alzeyer Musikgeschichte geschrieben.

Zu Schwarzlicht und einem recht ordentlichen Sound-System (in den 70er Jahren wurde ein großer Pioneer-Lautsprecher gekauft) tanzte die Alzeyer Jugend ab dem 14. Lebensjahr Foxtrott und später Discofox oder Freestyle zu in der Regel englischsprachigen Hits wie „Crocodile Rock“ von Elton John, „Get down“ von Gilbert O’Sullivan oder „Superstition“ von Stevie Wonder. Irgendwann wurde die Disco so beliebt und auch von jungen Menschen aus der Region frequentiert, so dass die Orga-Gruppe um Kaplan Kraus eigene Mitgliedsausweise des LSC (Lazy Sunday Clubs) drucken und unter der Alzeyer Jugend verteilen ließ.

Nur mit einem solchen Mitgliedsausweis wurde der Einlass in die Disco gewährt.

Wenn man von kulturellem Erbe spricht, denkt man gewiss nicht zuerst an solch einen Ort der Jugend- und Populärkultur. Aber auch die Freizeitgestaltung wird mitunter zum Teil des geteilten, des kollektiven Gedächtnisses eines Ortes, zum Schauplatz vieler erinnerungswürdiger Ereignisse, zum Impuls für kulturellen Wandel – auch wenn dieser ein Ablaufdatum hat wie das Lazy Sunday. Alles hat seine Zeit, aber auch seinen Erinnerungswert.

Der Brunnen auf dem Markt erinnert an den sagenumwobenen Spielmann Volker von Alzey

In Alzey gibt es besonders viele solche Orte, die mit Musik verschiedenster Stile und Epochen zu tun haben, vom im Niebelungenlied erwähnten Spielmann Volker von Alzey über bedeutende Kirchenorgeln und das Wohnhaus des türkischen Popstars Tarkan bis zu früheren Synagoge. Deshalb werden hier seit 2025 diese Orte der lokalen Musikgeschichte in und für KuLaDig erfasst, auch die aus dem Alltag der Alzeyer. Neben der Disco sind das u.a. die Kleinkunstbühne Oberhaus, das ehemalige Musikhaus Raab, in dem man früher Schallplatten durchstöberte, das Rathaus mit dem singenden Bürgermeister Walter Zuber, das Schloss mit seinen Konzerten und Festivals, aber auch das Wohnhaus des Kapellmeisters Gerhard Gralow, dem Leiter der Tanzkapelle Goldene Acht. Insgesamt werden zu 14 Objekten KuLaDig-Beiträge erstellt und – da es ja um das Thema Musik geht – für jeden Standort je eine Audiodatei gestaltet. In diesen kommen entweder Zeitzeug:innen zu Wort – wie beim Lazy Sunday – oder es gibt ein Klangbeispiel für ein besonderes Instrument. Nach und nach werden wir in den nächsten Wochen die KuLaDig-Beiträge zu diesen Orten freigeben.

Das Tastmodell auf dem Museumsplatz inspirierte bei der Begehung im Mai 2025 zum 3D-Modell als Ausspielplattform

Aber wie kann man diese verschiedenen Stationen in der Innenstadt von Alzey anschaulich und originell präsentieren? Neben den klassischen Medien wie Flyer oder KuLaTour inspirierte uns ein gusseisernes 3D-Tastmodell auf dem Museumsplatz zu einer originellen Variante: Gefördert durch die Anschubfinanzierung wird durch das Büro viriditas per Laserscan ein digitales 3D-Modell angefertigt. Dieses 3D-Modell gibt mithilfe von eigens für die Objekte designten Icons einen Überblick über die einzelnen Stationen des künftigen musikalischen Rundwegs und bietet neben der Orientierung während des Rundgangs einen leichten Zugang zu den digitalen Informationen. Das Modell ist momentan noch in Arbeit wie auch noch einige Beiträge zu den Stationen, wird aber im Laufe des Sommers verfügbar sein.

Screenshot des 3D-Modells von Alzey mit den einzelnen Stationen des zukünftigen Themenwegs (verlinkt mit dem 3D-Modell). Das Modell befindet sich noch in der Entwicklung.

Hier geht es zum Objekt des Monats April: Der Discothek Lazy Sunday in Alzey.

Bildnachweis: (Titelbild: Zero / Unsplash)

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