Kulturelles Erbe hat viele Gesichter – Folge 10: Florian Weber

Name: Florian Weber

Funktion: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projektmanager und Content-Creator im Landesprojekt KuLaDig-RLP.

Persönlicher Hintergrund: Ich bin in Bonn geboren und in Berghausen / Königswinter aufgewachsen. Nach dem Abitur und dem Zivildienst habe ich eine Ausbildung zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste im Bereich der Information und Dokumentation abgeschlossen, danach das Studium der Kunstgeschichte in Bonn aufgenommen. In meiner Bachelor- und meiner Masterarbeit beschäftigte ich mich mit der niederländischen Kunstgeschichte, insbesondere mit Pieter Bruegel dem Älteren. Ab 2018 war ich Wissenschaftlicher Volontär in der Abteilung Digitales Kulturerbe des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) und seit Juli 2019 bin ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landesprojekt „Digitale Erfassung und Präsentation von Kulturlandschaften – KuLaDig-RLP“ beschäftigt.

Was bedeutet Ihnen kulturelles Erbe? Warum ist es für Sie so wichtig, sich dafür zu engagieren?

An dieser Stelle möchte ich zu einem Gedankenexperiment einladen: Stellen wir uns folgende Situation bildlich vor: Der in Europa herrschende Krieg wird nun auch in Deutschland ausgetragen. Nach über 80 Jahren fallen wieder Bomben auf deutsche Städte, auch auf den eigenen Heimatort. Um welche Orte und Gebäude hat man Angst, dass sie zu Schaden kämen, jetzt mal vom eigenen Wohnhaus abgesehen? Mir persönlich fallen sehr viele Gebäude und Orte in meiner Heimatstadt Bonn und darüber hinaus ein, um die ich bangen würde und deren Verlust ich schmerzlich betrauern würde. Da wären u.a. das Museum Alexander König, in das ich als Kind bereits gerne ging, das ehemalige Residenzschloss der Kölner Kurfürsten, im dem sich heute die Uni Bonn befindet und in dem ich studieren durfte (wer hat schon den Luxus in einem Schloss zu studieren?) oder auch das Poppelsdorfer Schloss, an das sich heute der Botanische Garten schmiegt. Darüber hinaus kommt mir die Ruine auf dem Drachenfels in den Sinn, die bereits Lord Byron entzückte oder das Bonner Münster und der Kölner Dom.

Wenn man sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt und sich die Zerstörung der Heimat durch den Krieg wirklich vorstellt, bekommt man ein Gefühl dafür, was kulturelles Erbe vielen – und auch mir – bedeutet. Es ist Heimat, es ist Identität und man geht Beziehungen mit Orten des kulturellen Erbes ein, indem man in und mit diesem lebt. Dies wird um einen interessanten Fakt untermauert: In einem Krieg werden nämlich gezielt auch Kulturdenkmäler als Erstes angegriffen werden, selbst wenn diese dem Angreifer keinen strategischen Vorteil bringen. Das sieht man auch in der Ukraine sehr deutlich. Die Aggression gegen Denkmäler, Museen und Kirchen richtet sich gegen die Menschen, die in ihrem Innersten getroffen und gebrochen und ihrer Identität geraubt werden sollen.

Zerstörte Kirche in Bohorodychne village, Donetsk Oblast (Bild: Валентин Столярчук, Михайло Чубай, Wikimedia-Commons)

Was machen Sie konkret zur Bewahrung oder Präsentation des kulturellen Erbes?

Einen stark emotionalen Bezug zu Orten und Gebäuden hatte ich bereits als Kind und bereits früh verspürte ich den Drang, mir wichtige und nahestehende Gebäude zu dokumentieren, auf diese Weise für mich irgendwie zu erhalten, selbst wenn dies damals nur bildlich möglich war. Vielleicht führte mich dieses Gefühl – geboren aus dem Wissen, dass selbst steinerne Lebensbegleiter sterblich sind – auch zu meiner Ausbildung zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste im Bereich Information und Dokumentation, sicher aber zum Studium der Kunstgeschichte.

Im Leben gibt es manchmal diese seltsamen Fügungen, die einen – ob bewusst oder nicht – lenken und so fand ich mich 2018 in der LVR-Redaktion des Informationssystems KuLaDig wieder. Diese Plattform sammelt Daten zu Kulturlandschaftsobjekten, zu Orten und Gebäuden, um sie zu dokumentieren und der Nachwelt verfügbar zu machen. Ein Jahr später begann ich meine Tätigkeit als Projektmanager im Landesprojekt KuLaDig-RLP und ich hatte das Glück, in einem kreativen und fördernden Kreis und unter einer ebensolchen Leitung die Möglichkeiten, die KuLaDig zur Dokumentation bietet, nochmal ausweiten zu können. Denn meine eigenen Ansprüche, Objekte des kulturellen Erbes zu sichern und präsentieren, gingen weiter als eine reine Dokumentation in Bild und Daten. Ich hatte den Wunsch, Objekte auch digital so weit wie möglich erlebbar zu machen. Ein wesentlicher Anteil ist sicher die Möglichkeit, einen Ort digital begehbar und entdeckbar zu machen. Im Projekt führten wir 2020 die 360-Grad-Räume ein, beispielweise im Flößermuseum Kamp-Bornhofen oder im Dorfmuseum Helferskirchen. Da man in diesen virtuellen Räumen auch Geräusche, Videos und weitere Medien platzieren kann, erreichen die Möglichkeiten der digitalen Dokumentation eines Ortes mit diesem Medium fast ihren Höhepunkt. Über 20 solcher 360-Grad-Räume haben wir bereits in ganz Rheinland-Pfalz erstellt und den Menschen verfügbar gemacht.

Kulturelles Erbe aber ist nicht nur Gegenstand. Es entsteht gerade auch in der Wechselbeziehung von Ort und Mensch, also Einwohner:innen einer Region. Und mir ist bewusst, dass das Wissen der Menschen ein ebenso wichtiges und fragiles Gut ist. In verschiedenen Teilprojekten haben wir seit 2019 versucht, Zeitzeug:innen-Wissen in Audio und Video zu dokumentieren und zu erhalten.

Neben der Koordinierung der Teilprojekte gehört es für mich zu den spannendsten Teilen meines Berufs, mich auch selbst als Content-Creator ausleben zu können. Verschiedene Drehs oder Interviews, beispielsweise gemeinsam mit dem Zeitzeugen Fridolin Feil in Dörrebach oder im Schaudepot in Bad Neuenahr, habe ich mit geführt und nachbearbeitet und dieses kreative Arbeiten gehört zu meinen Lieblingsarbeitsbereichen. Auch die vielen multimedialen Stories, die wir in den letzten Jahren gestaltet haben, immer wieder anders, bieten viel kreativen Raum.

Die Arbeit mit den Studierenden (links) gehört ebenso zum Tätigkeitsfeld, wie Projektvorstellungen (Mitte) oder Eröffnungen (rechts).

Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Projektarbeit gemacht?

Ich habe gelernt, dass es häufig das Engagement Einzelner ist, das sehr viel umzusetzen versteht, und ich habe mich stets in den Teilprojekten wohlgefühlt, in denen eine persönliche Beziehung und ein Vertrauensverhältnis zu den kommunalen Partner:innen aufgebaut werden konnte. Solch eine Projektarbeit ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Man spielt den Ball und bekommt ihn zurückgespielt und auf diese Weise kann ein schönes Ergebnis erzielt werden. Teamwork, nicht zuletzt auch mit den beteiligten Studierenden, ist dafür elementar. Das Zusammenarbeiten mit verschiedenen Generationen kann sehr bereichernd sein und dieses Gefühl, dass alle Beteiligten zu einem Zeitpunkt gleichermaßen „elektrisiert“ sind, ist großartig. Dazu kommt die Erkenntnis, dass in der intergenerationalen Zusammenarbeit jeder profitieren kann, wenn der allgemeine Konsens herrscht, dass alle – nicht nur die ältere der jungen, sondern auch die junge der älteren Generation etwas Bereicherndes mitgeben kann. Ich persönlich habe sehr viel seit 2019 dazugelernt, gerade auch, weil die Anforderungen an einen Projektmanager und KuLaDig-Content-Creator sehr vielseitig sind.  

Beim Videodreh in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Bild: Olaf Nitz / Nitz Fotografie Montabaur)

Wie ging es weiter nach dem Projektende?

Das werde ich gerne beantworten, wenn das Projekt beendet ist 😉

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir, um den Kreis meiner Erzählung zu schließen, dass wir weiterhin die digitalen Objekte lediglich als Ergänzung, aber nicht als Ersatz für die realen Orte und Stätten des kulturellen Erbes ansehen dürfen und dass seitens des Landes die Strukturen geschaffen und ausgebaut bzw. gefestigt werden, um die Dokumentation und Wissensvermittlung im Bereich des kulturellen Erbes weiterzuentwickeln. Wir befinden uns nämlich an einem Wendepunkt: Noch gibt es Menschen, die authentisch berichten können, wie ein Leben in einer Diktatur aussah und welche Kraft es brauchte, ein demokratisches Miteinander zu formen. Die Digitalisierung und das zunehmende Eingreifen von Künstlicher Intelligenz in alle Lebensbereiche macht ein Gegengewicht erforderlich – und das sehe ich in der Kultur. Sie hat das Potenzial, uns mit den Menschen der Vergangenheit, ihren Lebens- und Glaubenswelten zu verbinden und uns als Anker zu dienen.

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