Die Hand, fest geschlossen um die eines Kinde,s stellt den Bildmittelpunkt der alten Fotografie dar. Hand und Fotografie erzählen eine bewegende Geschichte: Eine Mutter geleitet ihren Sohn, vielleicht 12-jährig, entlang der Pier zu einem großen Schiff. Sie trägt einen kleinen Koffer, er seine schönste Kleidung, ähnlich einem Matrosenanzug, mit Schirmmütze und – in der Hand – den Instrumentenkasten eines Seiteninstruments. Es geht um Abschied und Schmerz, um Aufbruch in eine unbekannte, neue Welt, um Hoffnung auf ein gutes Leben. Eingefangen wurde dieser Moment von einem Fotografen. Und wenn auch keine der abgebildeten Personen noch am Leben ist, so können wir dennoch nachempfinden, wie sich Mutter und Sohn in diesem Moment gefühlt haben. Denn nur er fährt, während die Mutter an der Pier zurückbleibt. Es handelte sich bei dem Jungen um einen kleinen Musikanten aus der Westpfalz. Einer von vielen, die als Wandermusikanten aus der Heimat in die Welt zogen, um dort ihr Glück zu machen.

Dass nicht nur Erwachsense, sondern auch Kinder als Musikanten in die Welt zogen, war ganz normal
Wie ging es weiter mit diesem Jungen? Niemand weiß es, er verschwindet gleich seinem Schiff im Dunst der Geschichte. Die meisten dieser Musikanten sind heute namenlos. Nur wenige Biografien lassen sich explizit einer Person zuschreiben und geben Aufschluss darüber, wie ein Leben als Wandermusikant vielleicht verlief: Der aus Mackenbach stammende Arthur Brehm beispielsweise reiste bis nach China und Japan, spielte in verschiedenen Zirkuskapellen und kehrte dann, irgendwann in seine Pfälzer Heimat zurück.

Der Mackenbacher Wandermusikant Arthur Brehm (ganz links) mit Zirkusleuten in Asien
Dass wir heute über das Phänomen Westpfälzer Wandermusikantentum wissen, dass wir die Fotografie des kleinen Musikanten und die Biografie eines Arthur Brehms nachvollziehen können, ist Verdienst des Musikantenmuseums in Mackenbach, unserem Objekt des Monats Oktober. Es hat sich als kleines „Spezialmuseum“ dem systematischen Sammeln, Dokumentieren, Bewahren und Vermitteln ganz verschiedener Objekte und Relikte dieses Themas verschrieben. Daher überrascht es nicht, dass uns dieses Museum im Teilprojekt Mackenbach (Projektjahr 2022) ein Partner von zentraler Bedeutung war.

Bärbel Holzmann, Leiterin des Mackenbacher Museums, am Instrumentenwagen im Ausstellungsraum
Denn es ging uns und den kommunalen Partner:innen darum, Spuren des Wandermusikantentums im Ort digital mit Hilfe von KuLaDig zu erfassen und sichtbar zu machen. Darüber hinaus aber war es uns ein Anliegen, ebenfalls einen Beitrag zur Wissens-Dokumentation zu leisten. Und so sind zahlreiche Videoclips rund um das Wandermusikantentum in Mackenbach produziert worden, etwa zur Verbindung von Frank Sinatra mit den ausgewanderten Pfälzer Musikanten.
Unter anderem durften unsere am Teilprojekt beteiligten Studierenden Hans Molter, einen der letzten noch lebenden Wandermusikanten, interviewen und filmen. In den 1950er Jahren, als die große Zeit der Westpfälzer Wandermusikanten eigentlich schon vorbei war, fuhr Molter in jungen Jahren nach Amerika, ganz ähnlich unserem unbekannten Jungen auf der Fotografie, mit dem Schiff. Wie es ihm dabei erging und wie sein Leben verlief, erzählt der ehemalige Wandermusikant und Instrumentenbauer, der später in seinen Heimatort zurückkehrte, in diesem Video:
Im Teilprojekt Kusel (ein Jahr später) kamen wir erneut mit diesem faszinierenden Thema in Berührung, als wir die Burg Lichtenberg digitalisierten. Es ging uns und dem Team Kusel darum, neben den mittelalterlichen Objekten auch die heutigen Museen auf der Burg zu erfassen und digital zu präsentieren. Das ist neben dem Urweltmuseum Geoskop auch das Pfälzer-Musikantenland-Museum, das, wie die übrigen Bestandteile der Burg auch, in einem virtuellen 360-Grad-Rundgang abgebildet wurde. Und hier zeigt sich einmal mehr der Vorteil von KuLaDig und digitaler Wissensvermittlung, denn wir haben nun die Inhalte aus Mackenbach und Kusel in KuLaDig (im Themenbeitrag) und im 360-Grad-Raum miteinander verwoben, um einen Mehrwert für die Nutzer:innen und die Museen gleichermaßen zu erzielen und die Sichtbarkeit der beiden Museen und des Themas zu erhöhen.

Screenshot aus der virtuellen 360-Grad-Tour durch das Pfälzer Musikantenland-Museum