Am 17. November 1936 wird im Polizeirevier in Bellheim ein zweiseitiger Bericht an das Bezirksamt in Germersheim (Pfalz) in die Schreibmaschine getippt. Ein Abdruck geht an die Geheime Staatspolizei in Ludwigshafen. Der Bericht dient der Schilderung einer verdächtigen Person, die in Zeiskam gesichtet wurde und sich nahe der Häuser von als „staatsfeindlich“ definierten Personen aufgehalten haben soll, woraus ein dringender Verdacht abgeleitet wird, dass es sich um eine ebenfalls um einen Staatsfeind handeln könne. Die Person ist männlich, etwa 40 bis 50 Jahre alt, ca. 1,70 Meter groß, gut gebaut und ebenso gut gekleidet. Auffälliges Merkmal ist die dicke Hornbrille. Der Verdächtige fährt einen dunkelbraunen PKW mit dem amtlichen Kennzeichen IV B-51 368. Nachdem dieser Bericht bei den adressierten Stellen eingegangen ist, drehen sich weitere Rädchen im System. Das verdächtige Subjekt wird identifiziert und zum Verhör geladen – oder vielleicht gleich verhaftet?


Verschiedene Quellen, beispielsweise die Akte der Gestapo über das Ehepaar Münster oder der Polizeibericht über die verdächtige Person im Umfeld der „Staatsfeinde“ wurden für die KuLaDig-Beiträge ausgewertet und lieferten interessante Einblicke in die NS-Zeit.
Die hier geschilderte Episode hat sich so zugetragen und kann aus historischen Dokumenten rekonstruiert werden. Ebenfalls nachvollziehen lässt sich, was Verhör und Nachforschungen des verdächtigen Mannes ergeben hatten: Bei dem Herren handelte es sich lediglich um einen Kaffeehändler, der nicht, wie im Bericht angegeben, private Haushalte, sondern verschiedene örtliche Kolonialwarenläden besucht hatte. Bei den „staatsfeindlichen“ Personen handelte es sich um ein Ehepaar, Anna und Wilhelm Münster, sowie um den Bäcker Otto Benewitz. Der Umstand, dass es sich bei diesen Personen um Mitglieder der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher handelte, einer Vorgängerorganisation der Zeugen Jehovas, war Grund genug, eine engmaschige Überwachung – die wohl auch das lokale Umfeld betraf – anzuordnen und vorzunehmen. Die angebliche Staatsfeindlichkeit bestand darin, dass sich Ernste Bibelforscher der NS-Ideologie verweigerten. So gingen sie weder zur Wahl, noch waren sie bereit Militärdienst zu leisten oder dem so genannten „Führer“ die Treue zu schwören.
Das Wohnhaus selbst existiert nicht mehr, aber die damit verbundene Geschichte aua dem NS-Alltag ist es wert, erhalten zu bleiben und erzählt zu werden. Der Fall zeigt auf, wie paranoid das NS-Regime handelte, wie Überwachung funktionierte und wie viel Energie dazu aufgewendet wurde, um Menschen, die sich nicht in das System einordnen wollten, zu unterdrücken. Ein dokumentiertes Beispiel für das, was Hannah Arendt später die „Banalität des Bösen“ nannte.

In Zeiskam, einer von insgesamt sechs Modellkommunen im Jahr 2025, geht es um historische Persönlichkeiten des Ortes, die in verschiedenen Jahrhunderten lebten. Erzählt wird beispielsweise die Geschichte von der Hochzeit der Eltern Karls des Vierten, von zwei sehr unterschiedlichen Soldaten zur Zeit der Napoleonischen Kriege oder von einem Kolonialisten und Missionar zur Zeit des Kaiserreichs. Das 20. Jahrhundert wird vornehmlich durch Zeiskamerinnen und Zeiskamer repräsentiert, die zur Zeit des Nationalsozialismus lebten, durch die Nazis verfolgt und – teilweise auch – ermordet wurden. Dass es sich dabei nicht immer um die typischen NS-Opfergruppen handelt, sprich Menschen jüdischen Glaubens oder Sinti und Roma, zeigt auf, wie willkürlich und schnell man durch das gesellschaftliche Netz fallen kann, wenn keine Rechtstaatlichkeit mehr existiert.
Neben dem Ehepaar Münster wurden Maria und Erwin M., Bernhard U. (Namen anonymisiert) und Peter Meigel Opfer von Zwangssterilisierung, Euthanasie oder Ermordung im Konzentrationslager. Um an diese Menschen und die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern, hat das kommunale Team in Zeiskam akribische Quellenarbeit geleistet und die Fälle rekonstruiert. An mehreren Orten in der Gemeinde wurden digitale Gedächtnisorte in KuLaDig erstellt, die mit QR-Codes kenntlich gemacht werden sollen. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes der Opfer wurden nicht die realen Wohnhäuser ausgewählt, sondern Orte in der Nähe. Auch wurden, wo nötig, die Familiennamen abgekürzt und keine Fotos am Objekt gezeigt. Da aber dennoch seitens des kommunalen Teams ein Bedarf gesehen wird, diese Personen zumindest in Form von Stellvertreterbildern sichtbar zu machen, wurden von manchen Personen mit Hilfe künstlicher Intelligenz Porträts nach Beschreibungen der Gesichtszüge erstellt. Dieses Vorgehen kann sicher kontrovers betrachtet werden und wirft aktuell vieldiskutierte – auch kritische – Fragen in Bezug auf KI-generierte Bilder auf. Wir haben uns dazu entschieden, diese Bilder zur Illustration von Audiodateien zu verwenden, sie erfüllen somit eher eine narrative als eine dokumentarische Funktion.



Hartwig Humbert aus Zeiskam hat mit ChatGPT Bilder generiert, die Personen und Situationen illustrieren sollen. Zur Erstellung der Prompts nutzte er Beschreibungen aus Quellen wie Zeitzeug:innenberichte, Polizeiakten u.w.
Audios spielen im Teilprojekt Zeiskam eine große Rolle. Die am Projekt beteiligten Studierenden führten im Sommer 2025 Interviews und Zeitzeug:innen-Gespräche und sicherten Wissen für nachfolgende Generationen. Dieses Audiomaterial wird zurzeit nachbearbeitet. Parallel wurden durch das kommunalen Team kurze Audios mit Erklärungen in einfacher Sprache aufgenommen, die teilweise bereits an den Objektbeiträgen hörbar sind. Im Fall unseres Objekts des Monats wird die eingangs erzählte Geschichte des Kaffeelieferanten in einfacher Sprache erläutert und durch ein KI generiertes Bild illustriert, das mittels der Beschreibung des Mannes mit ChatGPT erstellt wurde.
Hier geht es zum Objekt des Monats: Wohnhaus Anna und Wilhelm Münster in Zeiskam.