Vergangene Atmosphären lebendig werden lassen: Ein Werkstattbericht zu unseren 360-Grad-Erfahrungsräumen

Einen heute existierenden Ort in 360-Grad abzubilden und digital mit Informationen anzureichern, ist mittlerweile in unserem Landesprojekt keine Neuigkeit mehr, sondern gängiges Mittel der digitalen Wissensvermittlung. Davon zeugen u.a. 360-Grad-Räume und Touren wie im Flößer- und Schiffermuseum Kamp Bornhofen, in der Grube Riegelstein oder auf Burg Lichtenberg.

Beispiel einer 360-Grad-Tour, in diesem Fall auf Burg Lichtenberg.

Eine Übersicht über unsere 360-Grad-Anwendungen finden Sie hier. Wie sieht es aber damit aus, etwas sicht- und erlebbar zu machen, das so nicht mehr existiert? Zum Beispiel die besondere Atmosphäre in einem Kurort Ende des 19. Jahrhunderts? In diesem Fall kann man nicht einfach aktuelle 360-Grad-Aufnahmen produzieren. Andererseits gibt es oft historische Fotos, Postkarten oder sogar Filmmaterial aus alten Zeiten. Wie aber kann man diese Daten am besten verfügbar machen?

Da 360-Grad-Fotografie erst in der jüngeren Vergangenheit entwickelt worden ist, muss man ein wenig in die Trickkiste greifen, um historisches Bildmaterial in 360-Grad sichtbar zu machen. Dass bei diesen zweidimensionalen Bildern der Rundum-Effekt weniger gut funktioniert als bei Fotos, die mittels 360-Grad-Kamera eigens dafür produziert werden, ist selbstredend. Auch in puncto Authentizität muss man bei inszenierten Medien wie Postkarten gewisse Abstriche machen. Dies birgt aber auch einen Vorteil: Wenn man eh die „Wahrheit“ der damaligen Zeit nur zu einem gewissen Maße abbilden kann, warum dann nicht diese Bilder kreativ gestalten, um der „Wahrhaftigkeit“ ein wenig auf die Spur zu kommen?

Der heutige Ratssaal im Rathaus von Bad Neuenahr-Ahrweiler zeugt noch vom Prunk der alten Zeit, in der er als Speisesaal des Grand Hotels Flora diente (siehe Bild rechts), dennoch aber würde eine 360-Grad-Aufnahme des heutigen Raumes wenig von der einstigen Atmosphäre vermitteln (Bild links: Heinz Grates).

In diesem Jahr haben wir damit begonnen, mittels der 360-Grad-Anwendung vr-easy die Vergangenheit erahnbar zu machen, und zwar in unserem Teilprojekt Bad Neuenahr-Ahrweiler / Sinzig. Die beiden Städte hatten sich mit dem Thema „Kur- und Heilbäderwesen an Ahr und Umgebung“ beworben und es wurde bereits eine Vielzahl an Objektbeiträgen zum Thema in KuLaDig veröffentlicht. Im Rahmen des Projekts wurde durch das Stadtarchiv Ahrweiler ein großer Bestand an historischen Postkarten und Bildern bereitgestellt, die den Kurort Bad Neuenahr zu seiner Blütezeit, also um 1900, abbilden.

Dazu kam der Wunsch auf, den heutigen Ratssaal der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, Kulisse für verschiedene Expert:innen-Videos unseres Projektes, stärker den Menschen erlebbar zu machen. Das heutige Rathaus war nämlich ursprünglich als Grand Hotel Flora erbaut worden, der prachtvolle Saal diente den mondänen Kur- und Hotelgästen bis hin zu Karl Marx als Speisesaal. Schnell aber war man sich einig, dass eine einfache 360-Grad-Abbildung des heutigen Ratssaals, mit seiner für die unterschiedlichen kommunalen Gremien festgelegten Tischplatzierung, den damaligen Charme und die einstige Atmosphäre nicht wiederzugeben vermag. Dies aber, die Atmosphäre zumindest zu einem gewissen Grad mit digitalen Mitteln erlebbar zu machen, war uns eine Herzensangelegenheit. Also fingen wir in unserer typischen Art an, mit Medien zu experimentieren…

Das historische Bild des Speisesaals wurde in das dreidimensionale Bildformat überführt. Der daraus entstehende schwarze Bildraum dient nun als „Bühne“ für die mit KI erstellten Personen.

Wir nahmen eine historische Fotografie des damaligen Speisesaals und änderten die Bildeigenschaften so, dass die Fotografie den technischen Anforderungen von vr-easy entspricht. In erster Linie musste das Bild in die vorgegebenen Bildmaße überführt werden. Dadurch entstand jedoch ein schwarzer Streifen, der eine Verzerrung des Bildes verhindert. Frei nach dem Motto „aus der Not eine Tugend machen“ dachten wir: Nicht kaschieren, sondern hervorheben, ja kreativ nutzen, und machten den schwarzen Streifen zur Präsentationsfläche für digitale Inhalte.

Die Inhalte in KuLaDig zum Thema Kur- und Heilbäderwesen in Bad Neuenahr und Umgebung sind sehr gehaltvoll und eignen sich weniger dazu, den Menschen einen lebendigen und kurzweiligen Einblick in die vielen spannenden Aspekte des Kurortes und seiner Geschichte zu geben. Dazu sollte unter anderem der 360-Grad-Speisesaal dienen. Mittels Collagen-Technik und KI statteten wir diesen mit Personen aus (die Avatare wurden mit Canva erstellt), beispielsweise einem Portier, Karl Marx der hier ein paar Tage logierte, und weiteren, teils fiktiven, aber nach Quellenlage typischen Personen. Für jede Person schrieben wir einen kleinen Monolog. Mithilfe der KI-Anwendung elevenlabs vertonten wir diese Texte und ordneten den Personen die jeweils passende Audiodatei zu.

Für die Nutzer:innen ist es nun so, als würde man sich im virtuellen Raum nun mit verschiedenen Personen bekannt machen, mit ihnen quasi ein Gespräch führen und ganz beiläufig ein paar spannende Fakten zum damaligen Kurleben erfahren. Da uns verschiedene eindrucksvolle historische Postkarten und Fotos zur Verfügung standen, schufen wir weitere 360-Grad-Ansichten, so vom Kurpark, aus der Trinkhalle, von der Straße zwischen Kurhotel und Kurhaus und von der Straße nahe dem Grandhotel Flora. Um die atmosphärische Wirkung zu steigern, unterlegten wir diese 360-Grad-Panos mit Hintergrundgeräuschen (Sounds aus Pixabay).

Blick in den 360-Grad-Raum des Kurparks vor der Trinkhalle (links), Beispiele für KI-generierte Personen, wie einen Kurarzt oder ein Brunnenmädchen (rechts).

Inzwischen sind die Arbeiten an diesen Panos recht weit fortgeschritten. Bis auf eine Person sind alle Personen mit Audios unterlegt, die passenden KuLaDig-Objekte werden noch verlinkt. Ein Quiz mit Fragen „überprüft“, ob die Betrachtenden aufmerksam zugehört haben – und wird noch weiter ausgebaut. Kurzfristig sollen diese 360-Grad-Räume dann auch an den jeweils passenden KuLaDig-Objekten verlinkt werden, wünschenswert wäre natürlich auch eine Sichtbarmachung in Bad Neuenahr selbst, an den jeweils passenden Orten wie dem heutigen Rathaussaal.

Die in diesem Projekt gewonnenen Erfahrungen lassen sich künftig für weitere Projekte nutzen. Man kann beispielsweise den künstlerischen Anspruch noch weiter erhöhen und die 360-Grad-Räume völlig zu fantasievollen Erfahrungsräumen gestalten. Einen solchen Aufschlag haben wir ebenfalls in Arbeit.

Das Leben der Familie Mendelssohn in Koblenz-Horchheim: In diesem Fall werden die einzelnen Collagen-Elemente direkt in einen schwarzen Raum eingefügt. Rechts sieht man einen vertonten Brief.

Und zwar wollen wir den Park der Familie Mendelssohn in Koblenz-Horchheim als fantastischen Ort [hier der Link] erstellen, der mittels Collage-Elementen wie eine Art Traumlandschaft entsteht, hier ohne den Anspruch, einen realen historischen Ort wieder sichtbar zu machen, dafür aber mit dem Ziel die Nutzer:innen in eine bestimmte Stimmung zu versetzen und lyrische Inhalte, beispielsweise eingelesene Briefe oder Kurzbiografien von Personen, kreativ und phantasieanregend verfügbar zu machen. Jedes neue Format ist halt nur der Anstoß für das nächste…

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