Medium des Monats: Historische Porträts der Jugend- und Kinderarbeit

Ein paar Jahre Alter nur liegen zwischen ihnen und dennoch trennt sie Welten. Die Rede ist von den Kindern und Jugendlichen, die auf dem Gruppenfoto der Belegschaft des Rennseiterstollens, einem der Kauber Stollenanlagen im Dachschieferbergbau, zu sehen sind. Gemacht wurde diese Fotografie um das Jahr 1900 und es zeigt 37 Personen. Rechts und links am Rand sitzen zwei Jungs im geschätzten Alter von 14 Jahren. Sie zeugen davon, dass um die Jahrhundertwende viele Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen direkt mit Beendigung der Schule, sprich mit 14 Jahren, ins Bergwerk gehen mussten, um für ihre Familien ein wenig dazuzuverdienen.

Im Gegensatz dazu: An prominenter Stelle in der Bildmitte präsentiert der Grubendirektor Julius Jakob Meyer stolz seine eigenen Kinder: Ein Mädchen, vielleicht 4 Jahre und einen Jungen, in geschätztem Alter von 5 bis 6 Jahren. Diese beiden sind gut gekleidet, tragen Halstuch, Hütchen und Lackschuhe. Die beiden Arbeiter-Jungs dagegen tragen grobes, mit Nagelsohlen versehenes Schuhwerk und die übliche Arbeiterkluft. Mehr noch als die Kleidung aber trennt diese Kinder die unterschiedliche Alltags- und Lebenswelt, die sich in erster Linie durch die Herkunft und Zugehörigkeit zu einer der sozialen Klassen definiert. Sie findet Ausdruck im Gesichtsausdruck, der von Müdigkeit und Härte zeugt. Das Auge des Jungen am linken Rand ist zudem geschwollen. Vielleicht durch einen Unfall oder Gewalt?

Bilddetail des Arbeiterjungens am linken Bildrand (Bildarchiv Kauber Schiefer e.V.).

Das Leben der Bergleute im Dachschieferbergbau war hart. Zwölf Stunden-Schichten waren bis 1900 die Norm und dauerten von morgens 6 Uhr, bis 18 Uhr abends an. Ab 1900 wurde die Arbeitszeit reduziert und ging von morgens um 6 Uhr bis nachmittags um 15 Uhr. Dies und die harte Arbeit sowie die karge Erbährung ließ die Körper schnell verschleißen, besonders dann, wenn sie sich noch im Wachstum begriffen waren. Daran änderten auch die zwei Stunden Pause am Tag nichts. Denn viele Stollenanlagen waren so weitläufig, dass es sich nicht lohnte, in der einstündigen Mittagspause auszufahren, also an die Erdoberfläche zu kommen.

Diese Bergleute aus Kaub konnten ihre Mittagspause im Freien verbringen. Das Mittagessen wurde ihnen gebracht. Man sagt, dass dies normalerweise ebenfalls durch Kinder geschah. Wenn sich der Fotograf ankündigte, kamen die Frauen persönlich mit den Henkelmännern (um 1910, Bildarchiv Kauber Schiefer e.V.).

In den Wintermonaten sah ein Großteil der Belegschaft mehrere Monate lang die Sonne nicht. Dazu bestand eine permanente Gefahr von Unfällen. Zwar waren die Stollenanlagen selbsttragend, es wurden also keine Holzstützen benötigt, doch konnte es an der Abbaustelle immer durch das Arbeiten mit Hammer und Meißel in der Dunkelheit oder – schlimmer noch – durch herunterstürzendes Gestein zu teils tödlichen Verletzungen kommen.

Eins der typischen Geräusche, das den Bergarbeiter kennzeichnete, war das Husten. Der ätzende Schieferstaub legte sich auf die Lunge und sorgte seinerseits für Atemwegserkrankungen und eine vergleichsweise kurze Lebensdauer. Es gibt verzeichnete Todesfälle von 17-Jährigen, die an körperlicher Entkräftung starben. Die Arbeit der Jungen bestand darin, das abgebaute Material zu räumen, sprich einzusammeln und fortzutragen, den älteren Kollegen Werkzeug zu bringen und Stützmauern zu errichten. Der Abbau und das Spalten des Schiefers in gleichgroße Stücke war den erfahrenen und älteren Arbeitern überlassen.

Former des Gienanth-Eisenwerks mit ihren Lehrlingen im Juli des Jahres 1898 (Verbandsgemeinde Eisenberg (Pfalz))

Dass Kinderarbeit um 1900 nicht nur in den Kauber Dachschieferstollen, sondern auch in der pfälzischen Eisenverhüttung völlig normal war, bezeugt ein zweites Arbeiterporträt aus dem Eisenwerk Gienanth in Eisenberg. Dieses im Jahr 1898 – eine genaue Datierung erlaubt die Tafel in der Mitte der Gruppe – geschossene Foto, zeigt die Former des Eisenwerks mit ihren Lehrjungen. Former waren dafür zuständig die in größeren Eisenwerken benötigten Gussformen herzustellen. Sicherlich ein besserer Beruf, als die Arbeit in den Kauber Bergwerksstollen. Aber dass diese Jungen, manch einer könnte gut 12 bis 14 Jahre alt sein, in eine im Vergleich zu heutigen deutschen Kindern völlig andere Kindheit und Lebenswelt besaßen, ist unbestreitbar und lässt sich durch solch wertvolle Bilder gut ablesen.

Die hier präsentierten Bilder sind zwar nur Gruppenportraits, sie lassen sich aber durchaus mit der sozialdokumentarischen Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbinden, mit der zum Beispiel Lewis Hine in den USA in Form eindrucksvoller Portraitfotos auf die Existenz und die Probleme der Kinderarbeit aufmerksam machte. In Deutschland wurde dies hingegen kaum thematisiert.

Wilfried Radloff vom Verein Kauber Schiefer e.V. im Dachschieferbergbau-Museum in Kaub.

Der Wissensvermittlung und Erinnerungsarbeit rund um das Thema Dachschieferbergbau hat sich in Kaub das Dachschieferbergbau-Museum in der Metzgergasse 13 verschrieben. Der Museumsbetreiber, Wilfried Radloff vom Verein Kauber Schiefer e.V., arbeitete mit uns im Teilprojekt Kaub (Modellkommune des Jahres 2023) zusammen. Mit ihm konnten wir eine Vielzahl von Videoclips produzieren (hier die Übersichtsseite), in denen Radloff sein profundes Wissen zum Leben und Arbeiten der Dachschiefer-Bergleute teilt. In diesem Teilprojekt konnten wir das Wissen und die spannenden Dokumente des Museums, beispielsweise unser Medium des Monats, der Öffentlichkeit kostenlos und dauerhaft verfügbar machen.

Wilhelm Radloff über die Arbeitsbedingungen in den Kauber Bergwerken, auch für Jugendliche.

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