Kulturelles Erbe hat viele Gesichter – Folge 8: Dr. Susanne Bräckelmann

Name: Dr. Susanne Bräckelmann

Funktion: 2. Vorsitzende Geschichtsverein Nierstein e.V., Archivbeauftragte Stadt Nierstein; Teil des KuLaDig-Teams Nierstein zur Erstellung des Themenwegs „Leben am Rhein“.

Persönlicher Hintergrund: Ich bin in Bremen geboren und in Friedberg (Bayern) aufgewachsen. Nach mehreren Jahren der Berufstätigkeit als Redakteurin bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung habe ich an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Islamische Philologie und Publizistik studiert und 2003 mit Promotion abgeschlossen. Seitdem arbeite ich als freie Wissenschaftlerin, Publizistin und Lektorin. Im Vorstand des Geschichtsvereins Nierstein bin ich seit 2013 für die Publikation der jährlich erscheinenden Niersteiner Geschichtsblätter verantwortlich. Seit 2019 betreue ich dazu als ehrenamtliche Archivbeauftragte das Stadtarchiv Nierstein.

Im Juli 2025 wurden die attraktiven, blauen Schilder eingeweiht, die nun unmittelbar vor Ort auf den digitalen Themenweg „Leben am Rhein“ aufmerksam machen: Hendrik Doss, der die Schilder gestaltet hat, Michael Sander, Beigeordneter Kultur-Umwelt-Soziales, Bürgermeister Jochen Schmitt, Hans-Peter Hexemer, 1. Vorsitzender Geschichtsverein Nierstein, Dr. Susanne Bräckelmann und Kim Rech, Leiter des Bauhofs (v. l.).

Was bedeutet Ihnen kulturelles Erbe? Warum ist es für Sie so wichtig, sich dafür zu engagieren?

Das kulturelle Erbe umfasst ja eine Vielzahl unterschiedlichster Aspekte: Mein persönlicher Schwerpunkt ist hier das dokumentarische Erbe. Historische Schrift- und Bildquellen ermöglichen es, vielfältige Fragestellungen zu erforschen und so unbekannte oder in Vergessenheit geratene Entwicklungen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Daher engagiere ich mich im Geschichtsverein Nierstein besonders für den Erhalt unserer historischen Dokumente und dafür, ihren besonderen Wert als „historisches Gedächtnis“ unserer Stadt und ihrer Bewohner zu vermitteln. Es ist mir wichtig, dazu beizutragen, dass dieses kulturelle Erbe gesichert und auch für spätere Generationen bewahrt wird. Damit diese ihre eigenen Fragen an die Geschichte stellen können, müssen die von uns gesammelten und bewahrten historischen Quellen auch zukünftig nutzbar sein.

Was machen Sie konkret zur Bewahrung oder Präsentation des kulturellen Erbes?

Hier bin ich zurzeit in zwei Bereichen aktiv: Zum einen arbeite ich im Geschichtsverein an der Erforschung unserer regionalen Geschichte mit. Mein besonderes Interesse gilt den in Nierstein ab dem 13. Jahrhundert begüterten adligen Familien. Einige ihrer ehemaligen Adelshöfe prägen bis heute das Niersteiner Stadtbild. Die Ergebnisse werden präsentiert in Beiträgen für die Niersteiner Geschichtsblätter und mit Informationsangeboten vor Ort: digitale Stadtrundgänge, Info-Tafeln, Faltblätter.

Zum anderen organisiere ich für den Geschichtsverein und die Stadt Nierstein seit 2019 die Restaurierung schwer geschädigter historischer Archivalien des Stadtarchivs Nierstein aus dem 17.–19. Jahrhundert: Dieses überaus kostenintensive Projekt, das unter dem Motto „Lückenschluss in Nierstein“ steht, kann mithilfe von Fördermitteln des Landes Rheinland-Pfalz (Landesförderprogramm Bestandserhaltung, LBE) und des Bundes (Koordinationsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts, KEK) sowie Haushaltsmitteln der Stadt Nierstein und zweckgebundenen Spenden an den Geschichtsverein Nierstein realisiert werden. Die Gesamtkosten belaufen sich bislang auf rund 240.000 Euro, etwa 75 Prozent der geschädigten Archivalien konnten damit bereits gerettet werden (Stand 2025).

Schild für Station 7 des Themenwegs:
Der Schiffermast am Rheinufer.

Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Projektarbeit gemacht?

Die Stadt Nierstein hat zusammen mit dem Geschichtsverein bereits drei Stadtrundgänge mit Audioguide, die „KulTour historisches Nierstein“ realisiert (www.kultour-nierstein.de). Ergänzend hat unser Verein den Rundweg „History fürs Handy: Auf den Spuren von Freiheit und Demokratie“ erstellt (www.demokratie-nierstein.de). Beteiligt waren hier ausschließlich Ortskundige, daher war es für mich besonders interessant, durch die Zusammenarbeit mit dem Kuladig-RLP-Team auch einmal einen ergänzenden Blick „von außen“ zu bekommen. Auf diese Weise erhielten wir viele neue Anregungen und Impulse für unseren virtuellen Themenweg „Leben am Rhein“. In Wort und Bild, mit Zeitzeugen-Interviews und einem interaktiven 360-Grad-Rundgang wird nun an 13 Stationen aufgezeigt, welch vielfältige Bedeutung der Fluss für die Menschen in Nierstein einst hatte, denn viele der beschriebenen Objekte sind heute nicht mehr erhalten, wie z. B. ein schwimmender Tante-Emma-Laden oder der Kran einer Sandbaggerei am Rheinufer. Von überregionaler Bedeutung war etwa auch der Rheinübergang der US-Armee am 22. März 1945

Der beschriebene Schiffermast, einst und heute.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir, dass es weiter gelingt, den Menschen vor Ort wie auch Besuchern und Touristen, die vielen Facetten der Niersteiner Geschichte näherzubringen und auf unterschiedlichste Weise zu zeigen, wie spannend regionale Geschichte sein kann. 

Titelbild: Porträtbild Susanne Bräckelmann (Vortrag, Ausstellungseröffnung).

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